Fachkräftemangel begegnen durch Nutzung des Potenzials älterer Arbeitnehmender

Montag, 31. Januar 2022 - Gregor Gubser
Ein neues Netzwerk will dem Fachkräftemangel und dem Wissensverlust beim Austritt der Baby-Boomer-Jahrgänge begegnen. Als Plattform für Arbeitgebende will focus50plus Methoden zur erfolgreichen Gestaltung des betrieblichen Generationenmanagements erarbeiten und zugänglich machen. Ein Projekt stellt sich vor.

Der Fachkräftemangel akzentuiere sich zunehmend, sagte Roland Müller, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands (SAV) anlässlich des virtuellen Lancierungsevents von focus50plus (siehe Kasten). Müller nannte sogleich die Gründe dafür: die Demografie, der Rückgang Zuwanderung und eine Zunahme der Arbeitsplätze. Um diesen Entwicklungen zu begegnen, sieht er einen vielversprechenden Ansatzpunkt, nämlich das inländische Arbeitskräftepotenzial besser auszuschöpfen. Dies soll wiederum in verschiedenen Stossrichtungen geschehen: Durch Förderung von Jugendlichen, Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Eingliederung von Personen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen und die Förderung der Generationenzusammenarbeit.

Speziell bei diesem letzten Punkt setzt die neue von SAV initiierte Plattform focus50plus an. Unter dem Leitsatz «Von der Wirtschaft für die Wirtschaft» soll das Netzwerk Unternehmen durch einen Trialog von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik unterstützen. So sollen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine bessere Integration älterer Arbeitnehmender in den Arbeitsmarkt begünstigen.

focus50plus

Focus50plus ist ein Netzwerk für Arbeitgebende unter dem Patronat des Schweizerischen Arbeitgeberverbands (SAV). Mit seinen Netzwerkpartnern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Politik unterstützt focus50plus Unternehmen dabei, das Arbeitskräftepotenzial von Mitarbeitenden und Erwerbslosen der Altersklasse 50plus im Arbeitsmarkt zu nutzen.
Gleichzeitig engagiert sich das Netzwerk für optimale politische, rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, um den erforderlichen Spielraum für flexible und innovative Arbeitsmodelle in den Unternehmen zu fördern und die Wettbewerbsstärke der Schweizer Wirtschaft langfristig zu sichern.

Seco begrüsst Initiative des SAV

Boris Züricher, Leiter der Direktion für Arbeit beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), betonte in seiner Grussbotschaft anlässlich der Lancierung, dass die Zielsetzung von focus50plus eng mit den Bestrebungen der Direktion für Arbeit verknüpft sei. Bereits in den vergangenen Jahren habe das Seco seine Bestrebungen verstärkt, um die Rahmenbedingungen für Arbeitnehmende und Arbeitsuchende im Alter über 50 Jahren zu verbessern. Er gibt aber zu, dass der Staat in gewissen Bereichen nur marginalen Einfluss habe. Es liege an den Unternehmen, Fachkräfte zu rekrutieren und zu halten. Initiativen wie jene des SAV nannte Zürcher daher äusserst begrüssenswert. Schliesslich betonte er, dass die Anforderungen an die Arbeitnehmenden ebenso gestiegen seien wie jene an den Arbeitsplatz und die Unternehmen.

Digitalisierung lässt zwar gewisse Tätigkeiten verschwinden – Fachkräftemangel aber bleibt

«Gibt es noch Arbeit und für wen?» Eine Frage, die die Gesellschaft bereits seit Jahren beschäftig, nahm Prof. Dr. Gudela Grote von der EHT Zürich auf. Seit geraumer Zeit sei befürchtet worden, dass innert weniger Jahre aufgrund der Digitalisierung 50% der Arbeitsstellen wegfallen. Dies habe sich nicht bewahrheitet, sagte Grote. Sie gab zu, dass gewisse Tätigkeiten wegfallen, aber z.B. bei der SBB sei dieser Wegfall von Stellen durch den Generationenwechsel überkompensiert worden – es gingen mehr Mitarbeitende in Pension als nachkamen. Der Fachkräftemangel bleibe.

Grote ergänzte, dass es ältere und weniger qualifizierte Personen zunehmend schwerer haben werden auf dem Arbeitsmarkt. Eine tertiäre Ausbildung helfe, eine Stelle zu finden und diese zu behalten; wer keine formale Bildung hat, habe es zunehmend schwer.

Nach neuem Gold schürfen

Einen Blick in die Praxis rund um das Generationenmanagement gewährte Michael Zaugg, Personalleiter bei Ypsomed. Es gebe viele Klischees über ältere Arbeitnehmende. Sie seien teuer, risikoscheu oder unflexibel, um nur einige zu nennen. Die meisten träfen aber nicht zu, meint Zaugg. Statt in Klischees verhaftet zu bleiben, gelte es kreativ zu sein, hinter die Kulissen zu schauen und nicht offensichtliche Potenziale zu erkennen. Die Altersforschung zeige, das nicht geschürftes Gold bei älteren Mitarbeitenden vorhanden ist. Viele Studien widerlegten auch die Annahme, dass die Leistungsfähigkeit im Alter nachlasse. Allfällige Defizite der älteren Arbeitnehmenden würden diese durch Training, Erfahrung und breite Wissensbasis sowie hohe Motivation, Arbeitsmoral, Arbeitsdisziplin und Qualitätsbewusstsein kompensieren.

Zaugg betonte, dass es auf dem Arbeitsmarkt dieses Gold zu schürfen gelte, in dem vorhandene Potenziale bei älteren Personen genutzt werden. Selbstvertrauen, Fähigkeit zur Reflexion und Lernen aus Erfahrung, emotionales Gleichgewicht und besserer Umgang mit schwierigen Situationen zeichne sie aus. Es wäre schade, wenn Unternehmen dieses Potenzial nicht mehr nutzen könnten. Um dies zu verhindern, betreibe Ypsomed seit Jahren ein Talentmanagement unter dem Titel «Ypsomed People Process». Zudem unterstütze das Unternehmen auch Bogenkarrieren und eine flexible Pensionierung. Das Vorsorgereglement ermögliche eine Pensionierung zwischen 60 und 70 sowie eine Teilpensionierung, in der der Beschäftigungsgrad in drei Schritten reduziert werden könne.

Bis 2050 fehlen in der Schweiz bis zu 1.3 Millionen Fachkräfte

Die Baby-Boomer (Geburtenjahrgänge 1946 – 1964) werde das ordentliche Rentenalter bis 2029 erreichen und weitere geburtenstarke Jahrgänge bis in die 1970er Jahre werden bis 2035 in Rente gehen. Die Alters-Pyramide entwickele sich zum Alters-Pilz mit schmaler Basis, führte Valérie Müller von Avenir Suisse aus.

Davon ausgehend, dass sich die Wirtschaft wie in den vergangenen 20 Jahren entwickelt und die Bevölkerungsentwicklung stabil bleibt, würden der Schweizer Wirtschaft bis 2050 zwischen 700000 rund 1.3 Millionen Fachkräfte fehlen, sagte Müller. Durch diese Lücke würde das BIP-Wachstum gebremst. Es gebe aber viele Einflussfaktoren, die schon heute beeinflusst werden können. Technischer Fortschritt und Innovation könnten die Produktivität positiv beeinflussen, die Zuwanderung den Fachkräftemangel auch in Zukunft abmildern und letztlich sei die Nutzung des Inländerpotenzials am wichtigsten. Dazu müssten Erwerbslose schneller und besser integriert werden, wobei die Erwerbslosenquote in der Schweiz und somit dieses Potenzial relativ gering sei. Vielmehr gelte es Hürden für den Verbleib und Wiedereintritt von Frauen und Müttern abzubauen – durch Betreuungsplätze oder Individualbesteuerung. Ganz zentral sei es aber, ältere Fachkräfte im Erwerbsleben zu behalten. Denn jede dritte Erwerbsperson sei heute älter als 50 Jahre. Um die Arbeitsmarktfähigkeit zu erhalten sei lebenslanges Lernen unverzichtbar.

Als Fazit formulierte Müller, dass ältere Fachkräfte heute schon gefragt seien und in Zukunft noch stärker. Der demografische und technische Wandel biete über 50-Jährigen mehr Chancen als Risiken. Und sie formuliert Lösungsansätze für bessere Rahmenbedingungen:

  • Erhöhung und Flexibilisierung des Rentenalters,
  • bessere Anreize fürs Arbeiten im Alter respektive negative Anreize abschaffen,
  • Teilzeitarbeit und Teilrenten ermöglichen und
  • Arbeitsmarktfähigkeit erhalten und fördern.

Letztlich sind also viele Akteure gefordert, um älteren Arbeitnehmenden eine Perspektive zu bieten und ihr Potenzial für die Wirtschaft zu sichern. Dazu will das Netzwerk focus50plus einen Beitrag leisten und Unternehmen, Verbände, Wissenschaft und Politik zusammenbringen.

Die Videos und Präsentationen des Events können unter focus50plus.ch angesehen werden.

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