Wie übersteht man am besten lange, intensive Arbeitstage, wenn hohe Leistungen gefordert sind?
Lange und intensive Arbeitstage, ist das nicht ein Widerspruch in sich? Unser Gehirn kann nur einige Stunden wirklich intensiv und fokussiert arbeiten, den Rest der Zeit beschäftigen wir uns. Und in unserer Gesellschaft wird Anwesenheit immer noch mit guter Arbeit gleichgesetzt. Meine Erfahrung ist, dass Menschen hohe Leistungen erbringen, wenn sie wirklich motiviert sind, eine hohe Identifikation mit der Firma und der Aufgabe haben, die Arbeit sinnstiftend, das Energielevel hoch und das Arbeitsklima gut ist oder wenn gemeinsam gelacht wird. Gute Ernährung – ich meine nicht das traditionelle Kantinenessen – ist ein Energiespender, ebenso Bewegung, am besten draussen, denn Sonnenlicht setzt Serotonin frei, einen Botenstoff im Gehirn, der sich günstig auf Wohlbefinden und Schlaf auswirkt.
Am besten sollte man bereits ausgeschlafen zur Arbeit gehen. Dafür muss Schlaf eine Priorität werden und das heisst, dass man eventuell auch früher ins Bett gehen und auf eine entsprechende Schlafhygiene achten muss. Ein kurzer Mittagsschlaf, am besten ausgestreckt auf Sofa oder Yogamatte, sonst Bürostuhl – ich hatte auch schon Klienten, die sich auf einer Toilette eingeschlossen haben –, hebt die Arbeitsleistung am Nachmittag. Dazu empfehle ich viel Wasser, wenig Kohlenhydrate oder Zucker und aktivierende Atmungsübungen. Eine Ruhezeit auf der Yogamatte gefolgt von einigen Streckübungen tut auch dem Rücken und der übrigen Muskulatur gut. Viele Menschen sabotieren sich mit Kaffee. Dieser belebt zwar, aber die Lust auf einen Kaffee zeigt eigentlich nur, dass der Körper Erholung braucht. Der Kaffeekonsum ändert nichts am Schlafbedürfnis.
Haben Sie Empfehlungen für Unternehmen, um ihre Mitarbeitenden für das Thema Schlaf und Leistung zu sensibilisieren?
Sicher. Beispielsweise führe ich in Impulsvorträgen Menschen mit einfachen Geschichten und Beispielen an das Thema heran, um das Interesse zu wecken. Interessanterweise gibt es diesbezüglich auch Studien, die zeigen, dass unausgeschlafene Führungskräfte schlechtere Führungskräfte sind. Sie reagieren unberechenbarer und ungerechter, und es lässt sich zeigen, dass Mitarbeitende schlecht schlafender Führungskräfte auch schlechter schlafen. Führungskräfte sind Vorbilder. Daher ist Schlaf Chefsache.
Rückzugsräume am Arbeitsplatz sind natürlich wünschenswert. Stehen diese nicht zur Verfügung, sollte man zumindest versuchen, nach draussen zu gehen. Vorbildhafte Unternehmen haben die Themen Achtsamkeit, Entspannung und Bewegung in ihre Unternehmenskultur integriert.
Was sind Ihre Tipps für kurze Auszeiten im Alltag?
Ich empfehle immer, einfach einmal zehn Sekunden zu lächeln. Dabei spürt man bereits eine innere Veränderung. Bewusst zu atmen und dabei die Hand auf den Bauch zu legen, ist auch ganz einfach, und man verschafft sich damit für einen kurzen Moment eine mentale Auszeit. Und natürlich empfehle ich immer mal wieder einen kleinen Spaziergang.
Wer leisten will, muss schlafen