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Wie wirkungsvoll sind Gesundheits-Apps in der Prävention?

Mittwoch, 06. April 2022 - Karen Heidl
Das Angebot an Gesundheits-Apps entwickelt sich rasant. Ihr Vorteil: Viele Menschen lassen sich auf diesem Weg erreichen. Ihr Nachteil: Sie sind nicht alle nachhaltig wirksam. In einem Expertengespräch erklärt Daniel Rochat von der Krankenversicherung Swica, welche Rolle digitale Lösungen bei Prävention und Krankheitsmanagement spielen.

Der Apple Store bot weltweit im 3. Quartal 2020 in seinem Repertoire 82633 Gesundheits- und Fitness-Apps an. Im 3. Quartal 2019 waren es erst 44384 (Quelle: statista.com). Dieser Trend ist weiterhin steigend. Auch Krankenversicherer haben digitale Tools und Telemedizin entdeckt, wenn es darum geht, ihre Kundinnen breit mit Informationen und Hilfestellungen zu begleiten. Die digitalen Kommunikationsformen und inzwischen etablierten telemedizinischen Dienste bieten diverse Möglichkeiten, auch räumlich oder sozial isolierte Menschen zu erreichen.

Die Swica-App Benevita, die vor ca. fünf Jahren in einer ersten Version gelauncht wurde, hat heute und in einer Neuauflage mittlerweile 90000 aktive Nutzerinnen und Nutzer. Das sind über 10% der Swica-Versicherten. Gründe für diese aktive Nutzung sieht Daniel Rochat, Departementsleiter Leistungen und Medizin und Mitglied der Geschäftsleitung, vor allem in der Attraktivität eines abwechslungsreichen inhaltlichen Angebots, das sich in die Themen Ernährung, Bewegung und Wohlbefinden auffächert, beispielsweise mit Rezepten, Meditations- oder Bewegungsvideos oder Gesundheits-Tipps.

Konzipiert wurde die App mit den Ansätzen der Spieltheorie (Gamification). Nutzer können an sogenannten Challenges (Herausforderungen) teilnehmen, bei denen Punkte gesammelt werden können, die zur Belohnung gegen Preise oder Prämienrabatte eingelöst werden können. Dieser Ansatz sei ein weiterer Grund, weshalb die App über eine treue, aktive Nutzerschaft verfüge, resümiert Rochat den Erfolg. Der Gamification-Faktor führe dazu, dass es einerseits eine sehr aktive Nutzerschaft gebe, die neue Challenges sehr schnell annehme. Ein grosser Teil nutze die App aber auch punktuell in grösseren Abständen. Das Nutzungsverhalten hänge eben davon ab, was die jeweiligen Treiber sind – die spielerischen Herausforderungen oder die inhaltlichen Informationsbedürfnisse. Im Durchschnitt seien es einige Minuten pro Woche, die Nutzerinnen mit der App verbringen, womit die Anbieterin sehr zufrieden ist.

Apps geben Impulse, Hybridangebote sind nachhaltiger

Solche digitalen Gesundheitsförderungsangebote sind heutzutage keine Ausnahme bei Krankenversicherern, die in der Regel eine Palette von Apps für verschiedene Zwecke anbieten. Studien zeigen allerdings, dass die Nutzungsintensität bei rein digitalen Selbstmonitoring- oder Selbsthilfe-Apps relativ schnell ermüdet, wenn nicht spezielle Nutzungsanreize geschaffen werden, wie dies bei Benevita der Fall ist [1]. Anders sieht dies bei hybriden Angeboten aus. Dabei handelt es sich um Beratungs- und Informationsmöglichkeiten, die Apps in Verbindung mit persönlichen Austauschmöglichkeiten mit Fachleuten umfassen. Diese Formen der «angeleiteten Selbsthilfe» oder auch «Blended Treatments», bei denen Online-Tools und ärztliche bzw. psychologische Beratung vor Ort ineinandergreifen, zeigen sich deutlich wirksamer und nachhaltiger.

Diese Erfahrung macht auch Swica im Bereich der sogenannten Disease-Management-Programme (DMP). Dabei handelt es sich um begleitende Angebote für Patienten, die bereits bestimmte Diagnosen erhalten haben. Die Bereitschaft, auch digitale Unterstützung anzunehmen, sei in einem Diagnose-Fall sehr hoch, so Rochat, und werde verstärkt, wenn persönliche Beratungsangebote diese unterstützten. «Ein persönliches Coaching – auch telefonisch – gibt eine gewisse Verbindlichkeit. Vor allem beim Thema Ernährung und Gewichtskontrolle haben wir viel bessere Resultate mit der Kombination aus Apps und Coaches erzielt als nur mit Apps. Auch bei niederschwelligen psychischen Beschwerden haben wir dies bestätigen können. Wenn dadurch nachhaltige Verhaltensänderungen bewirkt werden konnten, ist die Investition absolut sinnvoll.» Die DMP werden bei Swica von eigenen Mitarbeitenden getestet, bevor sie gelauncht werden. Die Rückmeldungen zeigen deutlich, dass durch die persönliche Interaktion mit einem Coach die Verbindlichkeit und Motivation und sogar Freude an der Veränderung steigt.

Empfehlungen für den Einsatz von Präventionsapps im Unternehmen

Rochat empfiehlt Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden Gesundheitsapps anbieten möchten, eine breite Auswahl und vor allem bereits bewährte Angebote zur Verfügung zu stellen. Eine solche Investition müsse eingebettet sein in eine schlüssige BGM-Strategie, die konkrete Ziele verfolge. Bei Swica gibt es beispielsweise die Möglichkeit, solche App-Challenges im Kollegenkreis zu absolvieren, sodass ein kontinuierlicher spielerischer Umgang mit den Gesundheitsempfehlungen stattfindet. Apps müssten positive Erfahrungen vermitteln und Spass machen, meint Rochat abschliessend.

Trends bei Gesundheitsapps

«Vielleicht wird es eines Tages Chatbots geben, die Empathie so gut suggerieren, dass Motivation und nachhaltige Verhaltensänderungen bei der Nutzerschaft positiv beeinflusst werden; derzeit sind Coaching-Bots aber noch keine Option», schätzt Rochat die aktuelle Situation ein. Gleichwohl werden die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz Gamechanger bei der Auswertung von Diagnosedaten sein, die mithilfe von Smartphones oder speziellen Trackern erfasst werden können. Damit lassen sich Zusammenhänge herstellen und Wahrscheinlichkeiten berechnen, die heute mangels Daten so nicht vorhersagbar sind. Intelligente Auswertungssysteme werden auf Basis dieser Daten Patienten und App-Nutzern individuelle Hinweise für ein gesundheitsförderndes Verhalten geben können.

Kritische Sicherheitsaspekte betreffen einerseits die Systemsicherheit von Gesundheits-Apps, die bis zu einem gewissen Grad von den App Stores automatisiert geprüft wird; andererseits ist zu hinterfragen, wer welche Daten zu welchem Zweck erfasst und auf welchen Servern er sie speichert. Ein sorgfältiger Check der AGBs und der Anbieter solcher Apps (Gerichtsstand) ist empfehlenswert. (he)

[1] Hedman E.; Ljótsson B.; Lindefors N.: Cognitive behavior therapy via the Internet: a systematic review of applications, clinical efficacy and cost-effectiveness. Expert review of pharmacoeconomics & outcomes research 2012; 12 (6): 745–764. Heidl, Karen: InFo Neurologie & Psychiatrie 2017; 15(6): 43–45.

Take Aways

  • Anreize wie Prämien oder Wettbewerbe erhöhen die Nutzungsintensität von Gesundheits-Apps.
  • Gesundheits-Apps geben Impulse, während Hybridangebote – also eine Mischung aus Angeboten via App und Angeboten mit persönlicher, auch telefonischer Beratung – nachhaltiger wirken.
  • Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden Gesundheits-Apps anbieten möchten, sollten eine breite Auswahl und bereits bewährte Angebote zur Verfügung stellen.
  • Eine solche Investition in Corporate-Gesundheits-Apps sollten eingebettet sein in eine schlüssige BGM-Strategie, die konkrete Ziele verfolgt.
  • Sicherheitsaspekte wie Datenschutz (wo werden welche Daten gespeichert) und Systemsicherheit sollten bei Gesundheits-Apps aufmerksam hinterfragt werden.

Zur Person

Daniel Rochat ist Departementsleiter Leistungen und Medizin und Mitglied der Geschäftsleitung bei Swica Krankenversicherung AG. Er beschäftigt sich seit einigen Jahren mit digitalen Interventionen.

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