Das Schweizer Gesundheitssystem zählt zu den teuersten der Welt, wobei der Standard hoch ist. Aber ist das System auch so gut, wie man es erwarten dürfte? Die Politik scheint machtlos. Die Rezepte funktionieren nicht. So drängt es sich auf, sich das Thema «Kostenexplosion» frei von Denkverboten anzuschauen. Wieso ist das System so krankhaft teuer und ineffizient?
Ein Arzt spricht Klartext
Genau dies hat der Winterthurer Arzt Andreas Kistler getan. In seiner Freizeit notabene hat er als Insider ein leicht lesbares Sachbuch über die Kosten im Schweizer Gesundheitswesen geschrieben. Trotz dem reisserischen Schlagwort «Kostenexplosion» gelingt ihm eine ganzheitliche Analyse mit viel Volkswirtschaft, Esprit und nachvollziehbaren Beispielen aus der Praxis. Ein einfaches Rezept gegen das teure System hat Kistler trotzdem nicht. Der Autor zeigt aber Lösungswege auf, um zu einem effizienteren und am Ende wohl auch gesünderen Gesundheitswesen zu kommen.
Die 18 Lösungspisten im Massnahmenpaket sind mitunter provokativ. Der Strauss soll parallel angegangen werden. Zuerst fordert Kistler eine Einheitskasse, weil dies in seinen Augen schlicht die effizienteste Art der Verwaltung ist. Das Gesundheitswesen sei eine Staatsaufgabe, argumentiert er weiter, aber kein Grundrecht. Er kommt zu dem Schluss, dass nur der Staat das Gesundheitswesen einheitlich und transparent finanzieren könne. Unter anderem fordert Kistler ein elektronisches Patientendossier, das seinen Namen verdient. Er will eine kantonsübergreifende nationale Versorgungsplanung statt unkoordinierten Wettrüstens und Zertifizierungswut. Kistler spricht erfrischenden Klartext, seine Schlüsse sind stets stringent formuliert. Mit seinem Blick aus der Praxis zeigt er auf, was schiefläuft und wie man es besser organisieren könnte.
Falsche Kuren und schädliche Pillen
So leitet er im 250 Seiten starken Buch her, wieso ökonomische Rezepte im Gesundheitswesen scheitern: Nach dem Modell von William J. Baumol steigen die Kosten in unproduktiven Sektoren ein Stück weit unweigerlich. Die Leistungen sind ein Kostentreiber, der technologische Fortschritt auch – aber eben auch die sinnwidrigen Wettbewerbe im System. Das ist Kistlers Hauptkritik: Er benennt viele Fehlanreize der Marktwirtschaft, die die Gesundheit zum Geschäftsmodell verkommen lassen. Politische Lösungen sind oft gut gemeint, aber kontraproduktiv. Ein Beispiel ist das 2009 bei der KVG-Revision in der Schweiz eingeführte Abrechnungssystem Swiss-DRG mit Fallpauschalen, das zu ausufernder Bürokratie geführt hat. Unter den Lösungswegen nennt Kistler auch den Trick, den Fokus weg von den Kosten zu nehmen. Er sieht aber auch die Rolle der Pharmaindustrie kritisch.
Gemäss Kistler gibt es im System zu viele Irrwege, die in der Praxis schlicht nicht funktionieren. Oder dem Personal die Arbeit verleiden. Die Ärztinnen und Ärzte und die Leute in der Pflege gehen darin unter. Sie verlieren den Sinn, beschäftigen sich nur mit Abrechnungen, Bürokratie. Die Medizin wird industrialisiert, und die Menschen, die dort arbeiten, fühlen sich mehr und mehr in «Bullshit Jobs», wie nach David Graeber.