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Remote Work als Lebensform

Donnerstag, 11. März 2021 - Karen Heidl
Homeoffice ist nur eine Form der Arbeit auf Distanz. Beim mobilen Arbeiten an anderen Orten – dem Third Place Working – geht es darum, möglichst ortsunabhängig sein Geld zu verdienen. Lorenz Ramseyer und Christian Miessner berichten von ihren Motiven und Erfahrungen.

Wie es begann

Von Haus aus war ich Lehrer in einer kleinen bernischen Landgemeinde. Dort habe ich mich schon früh in Initiativen beteiligt, die die Digitalisierung in Schulen und Weiterbildung vorantreiben sollten. Allerdings waren wir damals – in den Nullerjahren – viel zu früh; es hat sich kaum jemand ernsthaft dafür interessiert. So wechselte ich mein Betätigungsfeld und gründete eine Webagentur, nebenbei engagierte ich mich in einem Hilfsprojekt, in dem wir Textilien in Peru hergestellt haben. Die Produktion der Streetwear befand sich auf 3800 Metern Höhe in den Anden. Dort nahm die Arbeit auf Distanz ihren Anfang. Ich hatte zu dieser Zeit einige Kunden, deren Websites ich von Peru aus betreut habe. Dazu muss man sich also ein Internet-Café in Peru vor 15 Jahren vorstellen. Trotz aller technischen Restriktionen hat es irgendwie funktioniert. Da hat es bei mir Klick gemacht. Mir wurde klar, dass ich gar nicht vor Ort sein muss.

Ich kam dann in eine Phase, wo ich viel gereist bin und mit der Remote-Arbeitsform viel experimentiert habe. Schnell merkte ich, dass es da Widersprüche gibt: Wenn man reist, will man ja eigentlich nicht permanent arbeiten. Das war eine Herausforderung, die weniger von der Technik bestimmt wurde. Ich beschäftigte mich vielmehr mit Arbeitsethos und -psychologie, mit Lebensträumen und Glücksfragen; dies hängt alles miteinander zusammen. Schliesslich verbringt der Mensch die meiste Zeit seines Lebens im Büro – zumindest betrifft dies ca. 50% der Erwerbstätigen.

Lorenz Ramseyer (47) lebt mit seiner Familie in der Nähe von Bern. Er berät Führungskräfte und HR-Fachleute bei der Einführung flexibler Arbeitsmodelle. Sein Lieblingsarbeitsort sind die Berge.

«Arbeit ist kein Ort,
an den man geht, sondern eine Sache, die man tut.»

Mein Arbeitsalltag

Heute berate und coache ich leitende Angestellte bei der Aufgabe, Remote Work in ihren Unternehmen zu implementieren. Ich meine dabei nicht das pandemiebedingte Homeoffice, sondern neue Arbeitsmodelle, die sich aus der Strategie ableiten. Dabei geht es ebenfalls weniger um Technik, sondern sehr stark um die jeweilige Arbeitskultur, die das Unternehmen zukunftssicher macht. Dazu gehe ich mit den Arbeitsgruppen am liebsten in die Berge und lasse mit ihnen den Blick in die Ferne schweifen – im realen wie im übertragenen Sinne.

Eine zukunftssichere Arbeitskultur muss attraktiv für neue Talente sein. Themen wie örtliche und zeitliche Flexibilisierung von Arbeit, agile und projektbasierte Organisationsformen sowie veränderte Führungsstrukturen werden dann reflektiert. Diese Transformation ist meiner Erfahrung nach vor allem für das mittlere Management eine Herausforderung. Hier gibt es häufiger Verlustängste, an denen ein Kulturwandel scheitern kann. Ich helfe dabei, sich diesem Thema zu nähern.

Der richtige Match von Arbeit und Ort

Wir sprechen ja vom Experimentieren und Sammeln von Erfahrungen, wenn wir über neue Arbeitskultur diskutieren. Dies gilt natürlich auch für mich. Ich probiere viel aus. Ich lasse mich bei manchen Aufgaben gerne von Orten inspirieren. Wenn ich beispielsweise ein Konzept schreiben muss, dann gehe ich gerne in ein Museum. Museen sind unter der Woche leer. Dort verbringe ich vielleicht etwas Zeit, lasse mir dabei unbewusst das Konzept durch den Kopf gehen. Nach einer Stunde setze ich mich ins Museumscafé und schreibe das Konzept. Dort gibt es in der Regel auch sehr gutes WLAN. Wenn man sich asynchron zum Strom der Erwerbstätigen in Unternehmen bewegt, kann man ganz neue Orte entdecken. Für Konzeptarbeit ist für mich Bewegung generell sehr wichtig. Das verbinde ich beispielsweise mit bestimmten Outdoor-Arbeitsplätzen. So tue ich nebenbei meiner Gesundheit etwas Gutes.

Indoor bieten sich Co-Working-Spaces an, wo man auch mal Menschen zum Austausch findet, davon gibt es in der Schweiz über 200. Die Zürcher Kantonalbank beispielsweise hat einen Teil ihrer Filialräume am Paradeplatz zu einem kostenlosen Co-Working-Space umgebaut. Solche Umnutzungen betreiben inzwischen auch andere Banken.

Wenn ich eher seriell arbeiten muss, dann sind belebte Räume gut dafür geeignet. Der Zug ist natürlich ein Klassiker als Arbeitsort, ebenso Restaurants. Dort halte ich mich dann eher vormittags auf, wenn es noch keine Gäste gibt, damit ich nicht den Tisch für Kunden blockiere.

Beim hochkonzentrierten Arbeiten ziehe ich mich gerne auch mal ins Homeoffice zurück. So stimme ich meinen Arbeitsplan auf die Arbeitsorte ab. Dies ist das Ergebnis einiger Experimente, in denen ich gelernt habe, dass nicht jeder Ort für jede Aufgabe effektiv ist.

Der Verein Digitale Nomaden

Im Verein Digitale Nomaden vernetzen sich inzwischen über 100 Menschen, die fast ausschliesslich digitale Technologien anwenden, um ihre Arbeit zu erledigen, während sie unterwegs sind. Der Verein betreibt die Website digitalenomaden.ch, auf der Tipps, interessante Artikel und Links zum digitalen Nomadentum zu finden sind.

Erfahrungsaustausch beim Traination der Digitalen Nomaden 2020 Erfahrungsaustausch beim Traination der Digitalen Nomaden 2020

Arbeiten ohne Team

Im November 2016 habe ich den Verein Digitale Nomaden mitgegründet. Wir sind heute 120 Leute, die Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig unterstützen. Diese Gruppe ist über die ganze Welt verteilt und arbeitet in spannenden, zum Teil sehr anspruchsvollen Jobs. Wir treffen uns manchmal persönlich und unternehmen etwas gemeinsam.

Wir haben zum Beispiel eine «Traination» durchgeführt. Das funktioniert so: Man kauft eine Spartageskarte für den Zug und fährt in einer Gruppe an einen schönen Ort. Man arbeitet, geht zusammen Mittagessen und ist in Bewegung. So kommen gute neue Ideen. Es muss nicht immer eine Weltreise sein – vieles kann man lokal unternehmen.

Es gibt so viele verlassene Orte, die sich für Co-Working gut nutzen liessen. Ich denke zum Beispiel an Swiss Escape, ein Co-Living- und Co-Working-Space im Wallis (swissescape.co). Man könnte ganz neue Infrastrukturen für Remote Work entwickeln.

Christian Miessner (53) lebt mit seiner Frau Bärbel (49) in München. Die Kinder sind mit 26 und 28 Jahren inzwischen aus dem Gröbsten raus. Die Miessners betreiben zusammen die Videoplattform Yogamour.de. Beide lieben es, zu Reisen: Sie möglichst schnell ans Meer, er langsam. Das Geschäftsmodell von Yogamour haben sie auf diese Vorlieben zugeschnitten.

«Eigentlich haben wir
keinen Alltag.»

Mein Arbeitsalltag

Eigentlich haben wir keinen Alltag. Seit zwei Jahren betreiben meine Frau Bärbel und ich Yogamour hauptberuflich. Das ist ein Angebot rund um Yoga inklusive einer kostenpflichtigen Mitgliederplattform für Yoga-Instruktionen, die mal als Videocast begann. Ich mache alles, was nicht purer Content ist, also die Technik, Videos schneiden, Administration der Aboplattform. Inzwischen haben wir regelmässig Artikel von Autorinnen, Videos und einmal wöchentlich ein Live-Video. Also kommt schon einiges zusammen. Bärbel kümmert sich als ausgebildete Yoga-Instruktorin, ehemalige Fotoredakteurin und Fotografin um den Content, leitet Yoga-Ausbildungen, Yoga-Retreats und plant die Yoga-Videos für Yogamour.

Wie es begann

Ich habe früher für Medienhäuser und Agenturen Konzepte für digitale Kanäle entwickelt, häufig auf Projektbasis als Selbständiger. Zufällig – denn ich komme eher aus der Redaktion, nicht aus der TV-Produktion – verschlug es mich zu Red Bull TV. Mein Hauptjob bestand dort zwar im Wesentlichen darin, den kreativen Wildwuchs in operative Bahnen zu lenken, ich habe dabei aber eine ganze Menge über TV-Produktionen gelernt. Bei einem Mountainbike-Tour-Projekt hatte ich in einem Monat das Pensum von drei Monaten abgearbeitet. Deshalb hatten Bärbel und ich geplant, mit unserem Bus ein paar Monate auf Tour zu gehen. Zu dem Zeitpunkt war Yogamour schon acht Jahre alt, und wir fragten uns, wie wir es weiterentwickeln wollen. Wir haben Yoga-Retreats an schönen Reisedestinationen veranstaltet und gratis Yoga-Videos auf YouTube gestellt – das funktionierte alles ganz gut, man konnte davon aber noch nicht leben, und wir fragten uns auch, ob wir das überhaupt wollen. Es haben auch immer mal wieder Leute angefragt, die irgendwelche Internet-Marketing-Kurse besucht haben und unsere Inhalte lizensieren wollten. Diese Herangehensweise lag uns nicht, brachte uns aber dazu, über das Potenzial und die Möglichkeiten nachzudenken.

Wir haben uns also in unseren alten Bus gesetzt und den Test gemacht: Wie lange halten wir es miteinander aus? Wie funktioniert Produzieren und Leben unterwegs? Und was kann daraus werden? Das war erstaunlicherweise kein Problem. Diese Bustour war quasi der Prototyp dessen, was wir jetzt planen. In dieser Zeit haben wir Yogamour um die Mitgliederplattform ergänzt.

Nach unserer Rückkehr und einem weiteren Projekt in einer Rolle als grauhaariger, weiser Operations Manager wurde ich es langsam leid, immer auf andere aufzupassen. Wir haben dann entschieden, Yogamour ein halbes Jahr verstärkt voranzutreiben. Danach war die Plattform noch immer nicht finanziell ausreichend tragfähig, aber sie hatte sich so gut entwickelt, dass sich eine Perspektive bot. Durch den Corona-Lockdown gab es dann noch einen richtigen Schub – zum Glück in einer Grössenordnung, die wir auch bewältigen können.

Wir haben Produkt, Technik und Geschäftsmodell inzwischen so aufeinander abgestimmt, dass wir nun unserer Reiseneigung auch ausserhalb der arbeitsfreien Zeiten nachgehen können. Das hat sich über Jahre dahin entwickelt mit unseren professionellen Erfahrungen, mit Veränderungen in unserem Leben und mit zehn Jahren Weiterentwicklung von Yogamour. Das Schöne heutzutage mit digitalen Geschäftsmodellen ist doch, dass das Ausprobieren vor allem nur Zeit kostet, andere Kosten aber überschaubar bleiben.

Der neue Plan

Dass wir woanders und in der Natur filmen, kommt sehr gut an bei unseren Usern. Es fühlt sich eben gut an, wenn man in seinem Wohnzimmer sitzt und die Yoga-Session wird in einer schönen Umgebung präsentiert. Um das zu realisieren, muss man unterwegs sein, Ferien und Freizeitausflüge reichen dafür nicht aus.

Unser VW-Bus ist ja schon seit vielen Jahren praxiserprobt, allerdings ist er etwas zu klein, wenn man zu zweit ist und nicht nur Ferien macht. Dann muss man sich immer für eine Sache entscheiden, die dann beide machen. Also Arbeiten und Teekochen gleichzeitig ist schwierig. Deshalb bauen wir jetzt einen grösseren Bus aus, in dem Funktionsbereiche separiert werden können. Das wird ein Camper, der genau auf unsere Zwecke ausgerichtet ist. Der Bus sollte ausserdem ein reines Elektroauto sein – wir können nicht mit Yoga nachhaltiges Leben propagieren und dann selbst fröhlich durch die Gegend dieseln. Wenn der Bus fertig ist, müssen wir ausprobieren, wie es am besten funktioniert – punktuell Destinationen aufsuchen oder langsam reisen. Ich würde gerne sehr langsam reisen, während Bärbel am liebsten direkt ans Meer fährt, um dort zu bleiben.

Arbeiten ohne Team

Ich vermisse schon gelegentlich die Arbeit mit anderen, vor allem mit Jungen. Es macht Spass, voneinander zu lernen, und das bringt mich dann auch immer weiter. Wenn ich aber jetzt die absolute Freiheit reflektiere, dann kann ich mir nichts Schöneres vorstellen.

Das Buskonzept

Geplant ist ein Camper auf Basis eines (gebrauchten) Crafter-Kastenwagens mit einer Umrüstung auf Elektro mit 75 kWH und ca. 200 km Reichweite; 600 WP-Solarzellen sollen für zusätzliche Autarkie sorgen. Die Steuerung des mobilen «Smart Homes» für Heizung, Warmwasser, Licht, Überwachung etc. wird mit Apple Home-Kit und Hoobs realisiert. Innen wird mit Filz für bessere Akustik bei Tonaufnahmen gedämmt.

Im Bus sind verschiedene Funktionsbereiche vorgesehen: Schlafplätze für 2 Personen über 185 cm, Essen, Kochen, zusätzlich grosszügige Arbeitsflächen und Platz für Yoga. Dazu soll Stauraum für Sportgeräte und Technik vorhanden sein.

Die technische Ausstattung umfasst Mac-Laptops, WLAN-Router mit Aussenantenne auf dem Dach. LTE-Geschwindigkeit reicht aus, da die Upload-Geschwindigkeit für Videos ohnehin oft serverseitig begrenzt ist. Die Datensicherung erfolgt auf einer Sammlung von 2.5" SSD-Platten und ein paar HDDs als zusätzliches Backup. Gefilmt wird mit dem iPhone 12 Pro. Der Ton wird voraufgenommen mit Rhode NT1 oder Yeti von Blue, live mit Rhode Ansteckmikros.

Weitere Tools sind LED-Licht, Manfrotto-Stative und eine Unterlegplatte für Yoga in unebenem Gelände.

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