Abonnieren Sie jetzt Penso und bleiben Sie auf dem Laufenden.
Mit 6 Printausgaben pro Jahr und dem vollen Zugriff auf alle Artikel auf penso.ch sind Sie stets gut informiert.
Wir könnten die KI-Dividende in bessere Führung investieren, in Lernen, in Zusammenarbeit oder in Innovationsförderung.
In meiner Kolumne vom Februar habe ich dafür plädiert, Leistung neu zu denken, indem wir auf gute Führung, Vertrauen und Zusammenarbeit setzen. In der Zwischenzeit habe ich das Thema weitergedacht und mir die Frage gestellt, was wir eigentlich mit der Zeit machen sollten, die uns der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) zurückgibt?
Vermutlich haben Sie alle schon die Standardantworten auf diese Frage gehört: effizienter werden, Kosten senken, Personal abbauen. Betriebswirtschaftlich klingt das vernünftig, aber strategisch könnte das einer der teuersten Denkfehler unserer Zeit sein.
Am Good Work Forum Schweiz Anfang Juli ist ein Gedanke entstanden, der meinen Blick auf diese Diskussion verändert hat. Unternehmen produzieren nicht nur Produkte und Dienstleistungen. Sie produzieren gleichzeitig auch Arbeit. Das bedeutet, dass Arbeit kein unvermeidlicher Kostenfaktor ist, sondern ebenfalls ein Produkt, das wir gestalten können und müssen.
Die Schweiz ist weltweit bekannt für Qualität. Unsere Maschinen, unsere Uhren, unsere Medizintechnik oder unsere Lebensmittel stehen für Präzision und Zuverlässigkeit. Warum sollte derselbe Qualitätsanspruch nicht auch für die Arbeit gelten?
«Arbeit ist ein Schweizer Qualitätsprodukt.» Das ist kein patriotischer Werbeslogan. Es ist ein Führungsanspruch, und KI könnte zur grössten Finanzierungsquelle werden. Wenn KI Routinearbeiten übernimmt, entsteht ein Produktivitätsgewinn in Form von Zeit. Die entscheidende Frage lautet, wofür wir diese gewonnene Zeit einsetzen.
Der Vorschlag aus dem Good Work Forum klingt radikal: Unternehmen sollten sich verpflichten, mindestens die Hälfte der durch KI eingesparten Arbeitszeit wieder in die Qualität der Arbeit zu investieren. Wer ausschliesslich Personal spart, hat KI verstanden. Wer einen Teil der Produktivitätsgewinne in bessere Arbeit investiert, hat Zukunft verstanden.
Wir könnten diese KI-Dividende in bessere Führung investieren, in Lernen, in Zusammenarbeit oder in Innovationsförderung. Auch Kundenbeziehungen, die Gesundheit der Mitarbeitenden oder die psychologische Sicherheit wären geeignete Themen, in die wir investieren könnten. Es geht um die Faktoren, die sich nur schwer automatisieren lassen, aber über die Wettbewerbsfähigkeit entscheiden.
Die andere Hälfte darf selbstverständlich zur Entlastung der Produktionskosten beitragen. Aber wenn 100% der KI-Dividende ausschliesslich in Kostensenkungen fliessen, gewinnen wir vielleicht kurzfristig an Effizienz und verlieren dabei langfristig genau die Fähigkeiten, die unseren Wirtschaftsstandort stark gemacht haben. Die Schweiz kann mit den tiefsten Löhnen nicht konkurrieren und auch nicht mit den grössten Datenplattformen oder den höchsten Subventionen. Unser Wettbewerbsvorteil war immer Qualität. Heute ist der richtige Zeitpunkt, diesen Qualitätsbegriff neu zu definieren und ihn auch für die Arbeit selbst anzuwenden.
Unternehmen, die heute bewusst in die Qualität der Arbeit investieren, schaffen mit attraktiveren Arbeitsplätzen bessere Voraussetzungen für Innovation, Anpassungsfähigkeit und nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit. Die Zukunft des Qualitätsstandorts Schweiz entscheidet sich nicht nur an dem, was unsere Fabriken und Büros verlässt, sondern auch in der Qualität der Arbeit, die wir dort gestalten.
Arbeit ist ein Schweizer Qualitätsprodukt