Wann ist die Adoleszenz ungefähr abgeschlossen?
Hier findet eine soziologische Veränderung statt. Vor 100 Jahren gab es die Adoleszenz noch kaum: Wenn das Kind aus der Schule kam, begann es zu arbeiten, hat meist früh geheiratet und eine Familie gegründet. Heute ist die Adoleszenz eine sehr prolongierte Phase. Biologisch gesehen beginnt die frühe Adoleszenz mit etwa 11 Jahren und endet mit der späten Adoleszenz, etwa mit 21 Jahren. Das war früher anders. Heute lassen sich die jungen Menschen mehr Zeit für Selbstfindung, Entwicklung von Selbständigkeit und Autonomie. Die Adoleszenz ist einerseits eine biologische Phase, andererseits auch eine soziologische Entwicklungsperiode, in der die Jugendlichen ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen und ihre Rolle zu definieren beginnen. Umweltfaktoren, Erziehung, schulischer Werdegang beeinflussen die Entwicklung eigener Werte und der Selbständigkeit.
Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei der Entwicklung des Gehirns?
Bei der Entwicklung gewisser Hirnareale sind Mädchen den Jungen ein wenig voraus. Ein deutlicher Geschlechtsunterschied bei der Entwicklung zum erwachsenen Menschen macht sich bei der Vulnerabilität fĂĽr psychische Erkrankungen im jugendlichen Alter bemerkbar. Die Zeit zwischen 14 und 18 Jahren ist die heikelste Phase. Dies hat wiederum mit der rasanten Entwicklung des limbischen Systems in Âdiesem Alter zu tun, die nicht immer problemlos verläuft. Die Anfälligkeit fĂĽr depressive Erkrankungen, ZwangsÂstörungen und Angststörungen ist in diesem Alter vor allem bei Mädchen ausgeprägt. Bei den Jungen ist die Neigung zu risikoreichem Verhalten, also zum Sensation Seeking, ausgeprägter als bei Mädchen. Diese Suche nach potenziell gefährlichen Erfahrungen steckt allerdings nicht einfach genuin in jedem Jungen, sondern wird ĂĽber das Umfeld beeinflusst. Wenn ein Junge mit Gleichaltrigen zusammen ist, zeigt er ein viel risikofreudigeres Verhalten, als wenn er allein ist. Ab ungefähr dem 20. Lebensjahr nimmt die Tendenz, sich von Gleichaltrigen im risikoreichen Verhalten negativ beeinflussen zu lassen, ab.
Das heisst, Jugendliche werden erst mit zwanzig vernĂĽnftig?
Es gibt neben dem limbischen System, das die Emotionen steuert, auch ein System, das für die Ratio zuständig ist – der präfrontale Kortex, also der vordere Teil des Gehirns. Dieser wächst einiges langsamer als das limbische System. Deshalb wirkt während der Adoleszenz die Vernunft den Emotionen nicht immer so stark entgegen. Mit 21 Jahren ist der präfrontale Kortex weitestgehend ausgereift. Das ist das eigentliche Ungleichgewicht bei der Entwicklung des adoleszenten Gehirns – die Areale für Vernunft und Gefühl entwickeln sich nicht parallel zueinander, weshalb es in der Jugend Entwicklungsphasen gibt, in denen die Emotionen gegenüber der Vernunft überhandnehmen.
Was bedeutet dies fĂĽr das Lernen?
Die adoleszententypische Suche nach intensiven Erlebnissen kann das Lernen unterstützen, wenn es beispielsweise spielerische und soziale Anreize gibt und Gefühle beim Lernen Raum haben. Viele junge Menschen unternehmen zum Beispiel gerne Sprachferien, in denen sie gemeinsam Spass haben und gleichzeitig viel lernen, auf zwischenmenschlicher sowie auf sprachlicher Ebene. Die Emotionalität ist dem Lernen dabei sehr zuträglich.
Neuroplastizität und Neuromythen