Mit der neuen ICD-11 die dysfunktionale Dichotomie von Körper und Seele überwinden
Mit der Umsetzung des biopsychosozialen Krankheitsmodells in der neuen Kategorie ICD-11:6C2ff werden psychosoziale Ursachen für Schmerzen gleichberechtig neben somatische gestellt. Die ICD-11 (Beta Draft, englische Version seit Mai 2019 in Kraft, deutsche Version 2022 erwartet) bietet eine umfassende Diagnosekategorie, die als «Disorders of bodily distress or bodily experience» bezeichnet wird und die ICD-10-Kategorie der Somatisierungsstörung F45 ff. ersetzt. Chronischer Schmerz ist ein Stressor, der – abhängig von den zur Verfügung stehenden Ressourcen – zu einer chronifizierten Stressreaktion (kognitiv, affektiv, physiologisch, behavioral) mit Krankheitswert führen kann.
Die Diagnose ICD11:6C2ff «körperliche Belastungsstörung» bedingt folgende Merkmale (Übersetzung der Autorin und des Autors):
1. das Vorhandensein von körperlichen Symptomen,
2. die für die Person belastend sind, und
3. durch übermässige Aufmerksamkeit, die auf die Symptome gerichtet ist,
4. was sich durch wiederholten Kontakt mit Gesundheitsdienstleistern manifestieren kann.
5. Der Grad der Aufmerksamkeit ist im Verhältnis zur Art der Schmerzen und zu deren Verlauf eindeutig übermässig.
6. Wenn ein medizinischer Zustand die Symptome verursacht oder zu ihnen beiträgt, wird die übermässige Aufmerksamkeit nicht durch angemessene klinische Untersuchungen und Therapieangebote und angemessene Beruhigung gemildert. Die körperlichen Symptome und der damit verbundene Leidensdruck sind anhaltend, d. h. sie sind an den meisten Tagen über mindestens mehrere Monate vorhanden und gehen mit einer erheblichen Beeinträchtigung in persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen einher.
Die neue ICD-11-Diagnose Bodily Distress Disorder anerkennt das Leiden der Patientinnen an ihren körperlichen Symptomen unabhängig von deren Ursachen. Dies erleichtert den therapeutischen Zugang zu chronischen Schmerzen und psychosomatischen Erkrankungen. Diese Diagnose entbindet Ärzte und Gutachterinnen jedoch nicht davon, eine biopsychosoziale Diagnostik lege artis durchzuführen, die sowohl somatische als auch psychische Funktionsveränderungen erkennt.
Patienten mit hoher psychischer Belastung können so rasch und relativ einfach identifiziert werden. Das sekundär- und tertiärpräventive Potenzial ist beträchtlich: Depressivität, Ängste und die Abnahme der Lebensqualität mit einer Minderung der Arbeitsfähigkeit können früher erkannt und positiv beeinflusst sowie hohe Kosten für unwirksame somatische Therapien vermieden werden.
Folgen fürs Versicherungssystem
In der Vergangenheit haben Versicherungen immer wieder versucht, Ansprüche von Versicherten abzuweisen mit der Begründung, dass deren Symptome keine Leistungen in ihrem speziellen Versicherungsbereich begründen. Beispielsweise lehnten Unfallversicherungen bei Patienten mit chronischen Schmerzen Leistungen ab mit der Begründung, es handle sich um eine psychisch unangemessene Verarbeitung des Unfallgeschehens und sei damit keine entschädigungspflichtige Unfallfolge. Oder das Sozialamt schickte Versicherte zum RAV mit der Begründung, die psychosozialen Belastungen seien nicht so einschneidend, dass sie eine Erwerbstätigkeit verunmöglichen.
Mit der Umsetzung der ICD-11 können die teuren juristischen Eskalationen mit den teilweise krankmachenden Abgrenzungen der Versicherungszweige aufgelöst werden. Die dadurch frei werdenden Ressourcen sollten für wirksame institutionelle Unterstützung genutzt werden, angefangen bei der Entlastung von Familien für Betreuungs- und Pflegeaufgaben über kurzfristig verfügbare psychotherapeutische Angebote in Krisensituationen bis hin zu Selbsthilfeangeboten. Insbesondere könnten neue technische Möglichkeiten sinnvoll eingesetzt werden in Abhängigkeit von Krankheitsvorstellungen und Selbstwirksamkeitserwartungen der Versicherten, z. B. Biofeedback, internetbasierte Psychotherapieprogramme, sehr kurzfristig verfügbare Psychotherapie in Video-Sitzungen bis hin zu Selbsthilfeprogrammen wie dem neurogenen Zittern (TRE) oder der «Klopftechnik» (Emotional Freedom Technique EFT). Letztere gilt in den USA und in Grossbritannien inzwischen als Goldstandard für die Therapie von Ängsten und Panikstörungen.
Wissenschaftliche Nachweise
1. Egloff, N., Müller, D., Blättler, L. & Steiger, B. (2020). Aversive Kindheitsbelastungen und ihre Implikationen für die medizinische Begutachtung am Beispiel chronischer Schmerzzustände. Therapeutische Umschau, 77 (3), 111–115.
2. Nibel, H. & Herold, A. (2021). Neue, körperorientierte Selbsthilfetechniken in der Traumatherapie: Klopfen, Hören, Schauen, Schütteln. Wehrmedizinische Monatsschrift 65 (2), S. 83–85.
3. Nibel, H. & Fischer, K. (2020). Neurogenes Zittern. Stuttgart: Trias/Thieme.
4. Orchard, C., Carnide, N. & Smith, P. (2019). How does Perceived Fairness in the Workers΄Compensation Claims Process Affect Mental Health Following a Workplace Injury? Journal of Occupational Rehabilitation 30, 40–48.
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