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Zum Ende der Pandemie kühlt Euphorie für digitalen Wandel ab

Donnerstag, 21. April 2022
Seit 2018 zeigt die Studie «Datengesellschaft und Solidarität» jährlich auf, welche Erwartungen und Befürchtungen die Bevölkerung der Schweiz mit dem digitalen Wandel verbindet. Zum Ende der Pandemie konstatiert die Umfrage erstmals Ernüchterung bezüglich Digitalisierung.

Die Bevölkerung glaubt weniger an Fortschritte, erwartet mehr Ungleichheit im Wirtschaftsleben und nutzt digitale Kanäle verhaltener. Dafür scheint die gesellschaftliche Solidarität von «Gesund mit Krank» und innerhalb der obligatorischen Grundversicherung gefestigt - solange keine persönlichen Vorteile die gesellschaftlichen verdrängen.

Das Forschungsinstitut Sotomo befragte im Januar 2022 2450 Personen online zu ihrem Verhalten und ihrer Einstellung zur Solidarität im Kontext des digitalen Wandels. Die Befragung erfolgte 2022 zum fünften Mal in Folge im Auftrag der Stiftung Sanitas Krankenversicherung.

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Euphorie für Digitalisierung nimmt ab

Die jährlich positivere Einschätzung seit 2018, dass die Digitalisierung vor allem Fortschritt und neue Möglichkeiten bringe, wurde erstmals gebremsst. Mit 44% liegt die Zustimmung zu dieser These wieder auf dem Niveau von vor zwei Jahren. Der Optimismus scheint abgekühlt. 70% der Befragten in allen Altersgruppen erwarten, dass der digitale Wandel zu mehr Ungleichheit im Wirtschaftsleben führt, wobei Anhänger der liberalen Parteien GLP und FDP noch am meisten auf den Fortschritt setzen. Allgemein als Gewinner der Digitalisierung sehen die Befragten Jüngere, Gutgebildete, Wohlhabende und Flexible. Als Verlierende sehen sie Ältere, weniger Gebildete, Arme, und Unflexible. Und diese Schere geht seit fünf Jahren immer weiter auf.

Mit den Lockerungen der Pandemie-Massnahmen hat die Nutzung digitaler Kanäle ihren Höhepunkt überschritten. Weniger Befragte nutzen regelmässig Social Media, Videotelefonie, Streamingdienste wie Netflix oder Cloud-Speicher und Instant Messaging. Auch die Lebensvermessung von Aktivitäten und Zuständen mit dem Smartphone hat sich eher stabilisiert.

2022 gehen wieder weniger Personen davon aus, dass die eigene berufliche Tätigkeit in zehn Jahren durch Computer oder Roboter ersetzt werde. Der zusätzliche Leistungsdruck durch die Vermessung von Daten hat auch im zweiten Pandemiejahr weiter abgenommen, am Arbeitsplatz ganz drastisch um fast drei Viertel. Die Euphorie, aber auch die grossen Schreckensvisionen bezüglich des digitalen Wandels scheinen vorbei.

Pandemie fördert digitale Anwendungen im Gesundheitsbereich

Im Unterschied zu den meisten anderen Bereichen hat Corona das Vertrauen in digitale Lösungen im Gesundheitsbereich gesteigert, etwa in Bezug auf das das elektronische Patientendossier. Eigene Gesundheitsdaten mit Zusatzgeräten aufzuzeichnen ist in der Schweiz noch wenig üblich, aber es nimmt im Unterschied zum übrigen Tracking stetig zu. Den Puls, die Herzfrequenz oder beispielsweise den Blutdruck tracken heute doppelt so viele Personen als vor fünf Jahren.

Und mit wem würden die Menschen ihre aufgezeichneten Gesundheitsdaten teilen? Der Hausarzt oder die Hausärztin ist nach wie vor auf Platz 1 (86%), gefolgt von medizinischen Spezialisten (70%). Erstmals würden mehr als die Hälfte der Personen ihre Daten mit der medizinischen Forschung teilen (55%).

Pandemie ändert Solidaritätsverständnis

Der Solidaritätsbegriff verändert sich durch die Digitalisierung und es zeigt sich der Einfluss der Pandemie: Mit «Solidarität» verbinden nach wie vor am meisten Menschen «sich persönlich für andere einzusetzen» (78%). Aber um acht Prozentpunkte gesteigert hat sich die Auslegung des Begriffs «Für sich zu sorgen und anderen nicht zur Last zu fallen». Und bei den Solidaritätsprinzipien haben die Konzepte «Gesund mit Krank» und «Alt mit Jung» einen deutlichen Aufschwung erfahren. Interessant ist, dass vor allem ältere Menschen es anfangs 2022 wichtig fanden, mit den Jungen solidarisch zu sein.

Solidarität mit «Unsolidarischen» ist hoch

Wenn sich jemand wider besseren Wissens gesundheitsschädigend verhält - beispielsweises bei einem Herz-/Kreislaufrisiko sich weiterhin ungesund ernährt und zu wenig bewegt - und so hohe Gesundheitskosten für die Allgemeinheit riskiert, empfindet das eine Mehrheit der Bevölkerung grundlegend als unsolidarisch. Drei Viertel sind aber trotzdem dafür, dass diese Person Anspruch auf eine teure, vermeidbare medizinische Behandlung hat. Das Solidaritätsprinzip in der Krankengrundversicherung scheint geschätzt und wird nach der Pandemie hochgehalten.

Datenteilen aus Solidarität oder Eigennutz?

In der Pandemie wurde viel debattiert, ob Gesundheitsdaten zu teilen auch als «Datenspende» oder «solidarischer Akt» gegenüber der Gemeinschaft zu verstehen ist. Für die Studienteilnehmenden dieser Umfrage sind «Vertrauen in die Person/Organisation» und ein «Persönlicher Nutzen» die wichtigsten Faktoren fürs Datenteilen. Ein «Nutzen für die Allgemeinheit» erreichte nur Platz drei. Dass medizinische Datensammlungen grundsätzlich zu einer besseren Versorgung und tieferen Gesundheitskosten beitragen, befürwortet eine grosse Mehrheit. Aber über die Hälfte der Daten-Teilenden wollen dafür belohnt werden, beispielsweise mit einem Vorrang für neu entwickelte Medikamente. Die Bevölkerung zeigt sich somit ein weiteres Jahr ambivalent, wer im (digitalen) Gesundheitssystem profitieren soll - der Einzelne, die Gesellschaft oder beide. Dazu passen zwei weitere Bereiche: Die Zustimmung zu verhaltensabhängigen Krankenkassenprämien ist von Menschen mit gesundem Lebensstil nach wie vor besonders hoch. Und eine Mehrheit der Befragten mit Covid-Impfung räumt den Ungeimpften bei Bettenknappheit keinen Anspruch auf Intensivbehandlung ein.

Download der Studie

Der vollständige Bericht zum Monitor «Datengesellschaft und Solidarität» 2022 steht hier zur Verfügung: http://www.sanitas.com/stiftung-umfrage (ots)

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