Abric: Wir erhalten sehr viel schneller einen Überblick: Was bewegt die Menschen? Welche Stimmungen liegen vor? Welche Themen tauchen quer zu den eigentlichen Fragestellungen auf? Ohne KI wäre das kaum machbar. Aber: KI ersetzt nicht die menschliche Interpretation.
Können Sie das anhand eines Beispiels illustrieren?
Abric: Ich habe zum Beispiel in einer Kategorie eine auffällige Tonalität in den Kommentaren festgestellt. Das sind wichtige Signale, gerade in Veränderungszeiten. Die KI hätte mir diese Tonalität nicht explizit als zentrales Muster herausgehoben. Das erkennt man erst, wenn man wirklich liest. «Know your data» bleibt zentral.
Wie gehen Sie intern mit den Ergebnissen um? Wer sieht was?
Abric: Mitarbeitende können die quantitativen Ergebnisse ihrer Teams einsehen. Führungspersonen sehen auch die anonymisierten Kommentare ihrer Teams. Ich selbst analysiere die gruppenübergreifenden Fragen und bereite die wichtigsten Erkenntnisse für das Group Strategy Board auf, inklusive exemplarischer – natürlich anonymisierter – Kommentare. Auf Anfrage führe ich zusätzliche Analysen durch, etwa für einzelne Bereiche oder Ländereinheiten.
Süss: Wir arbeiten mit einem Self-Service-Dashboard. Früher mussten wir PDF-Berichte verschicken, das ist jetzt zum Glück vorbei. Führungskräfte können Analysen selbst zusammenstellen, Präsentationsvorlagen nutzen und mit ihren Teams diskutieren. HR Business Partner haben zusätzliche eingeschränkte Filtermöglichkeiten für einige wenige demografische Gruppen, aber alles unter strengen Anonymisierungsregeln, so dass keine Rückschlüsse auf einzelne Personen gezogen werden können.
Welches Tool nutzen Sie für das Dashboard?
Abric: Für die Engagement-Umfragen verwenden wir Glint, und Glint erstellt auch das Dashboard. Die Employee-Experience-Umfragen laufen über eine separate Infrastruktur auf eigenen Servern mit strengeren Anonymisierungsregeln.
Wie stellen Sie sicher, dass datenschutzrechtliche Vorgaben eingehalten werden?
Süss: Jede neue Technologie durchläuft bei uns ein Gremium, in dem unter anderem Datenschutz und Informationssicherheit vertreten sind. Wir arbeiten intensiv mit unserem Datenschutzbeauftragten zusammen. In Deutschland kommt der Austausch mit dem Betriebsrat dazu. Wir haben eine vertragliche und eine technische Firewall: Glint sammelt die Daten, darf sie aber nicht individuenbezogen an uns weitergeben. Auswertungen sind erst ab einer Mindestanzahl möglich. Filter lassen sich nicht so kombinieren, dass jemand identifizierbar würde. Das ist zentral: ohne Vertrauen füllt niemand eine Umfrage aus.
Abric: Und es braucht Sensibilität im Umgang mit den Daten. Zugriff erfolgt bei uns strikt auf einer Need-to-know-Basis.
Wie verhindern Sie Verzerrungen – durch unterschiedliche Gruppen oder durch die KI selbst?
Abric: In der Kommentaranalyse nutze ich keine demografischen Daten, sondern nur den Text. KI kann dennoch verzerren, indem sie zum Beispiel immer wieder dieselben Kommentare als Beispiele nutzt. Genau deshalb mache ich mehrstufige Analysen und verifiziere die Ergebnisse immer wieder an den Originaltexten.
Süss: Vor der Nutzung von KI war die Verzerrungsgefahr grösser, weil qualitative Daten nur exemplarisch genutzt wurden. Heute können wir qualitative Daten viel präziser kategorisieren und quantitativ auswerten. Das macht die Analysen stabiler.
Haben KI-Analysen Ihnen geholfen, Fluktuationsprognosen zu verbessern?
Süss: Für Prognosen stützen wir uns primär auf validierte quantitative Fragen zur Verweilmotivation. KI wird relevant, wenn es darum geht, Gründe zu verstehen, warum jemand sagt, dass er oder sie möglicherweise bald geht. Dort liefern die Freitextkommentare wertvolle Hinweise.
Abric: Glint bietet zudem Treiberanalysen, die zeigen, welche Faktoren bestimmte Werte besonders stark beeinflussen.
Welche Schritte empfehlen Sie Unternehmen, die neu mit KI-gestützten Textanalysen starten wollen?
Süss: Zuerst braucht es ein klares Konzept: Was wollen wir erreichen? Dann eine rechtliche Abklärung, gerade mit Blick auf Datenschutz und EU-AI-Act. Und es braucht eine technische Umgebung, die diese Anforderungen erfüllt und Vertrauen schafft.
Abric: Es ist wichtig zu klären: Wer macht die Analyse? Es braucht Expertise im Umgang mit KI und mit Dateninterpretation. Die Analyse ist schonungslos, und dann heisst es: Handeln! Wenn nichts passiert, hören Mitarbeitende irgendwann auf zu kommentieren. Der wichtigste Tipp ist: Wenn man Daten erhebt, muss man auch etwas damit machen.
Take Aways
- KI erweitert die klassischen People-Analytics um qualitative Hinweise, die sich aus den Freitextkommentaren ableiten lassen und zuvor oft unentdeckt blieben.
- Das Praxisbeispiel von Baloise zeigt, dass mehrstufige, dialogorientierte Analysen mit Copilot nötig sind, um Verzerrungen zu vermeiden und die Qualität der Ergebnisse zu sichern.
- Strenge Datenschutz- und Anonymisierungsregeln sind Voraussetzung, damit Mitarbeitende Vertrauen in die Befragungen behalten und weiterhin offen kommentieren.
- KI kann Stimmungen, Muster und Belastungssignale früher sichtbar machen, ersetzt aber nicht die menschliche Interpretation der Kommentare.
- Die Wirksamkeit von Employee-Listening hängt davon ab, ob Unternehmen auf die Erkenntnisse reagieren und daraus konkrete Massnahmen ableiten.