Einigkeit herrscht bei beiden Gruppen in der Skepsis gegenĂĽber dubiosen Angeboten und mangelnder Transparenz.
Prädiktion als Türöffner für Prävention?
Tatsache ist: Wer bereit ist, sich mit Wahrscheinlichkeiten einer Erkrankung auseinanderzusetzen, sollte einen Plan haben, wie mit schlechten Nachrichten umzugehen ist. In der gesellschaftlichen Diskussion liegt es deshalb nahe, mehr Prädiktion zu fordern und auf deren Basis gezielte Prävention zu betreiben. Dies könne möglicherweise die Gesundheitskostenbudgets entlasten.
Zweifel daran äusserte jedoch Prof. Dr. Viktor von Wyl (Universität Zürich / SSPH+). Er betonte, dass ein gesellschaftliches Kosten-Nutzenverhältnis für Screenings sorgfältig abgewogen werden müsse. Es brauche eine gezielte Untersuchung relevanter Risikogruppen mit aussagekräftigen Methoden. Pauschale Gentests oder Ganzkörper-MRIs für alle seien weder evidenzbasiert noch zuverlässig – und zudem teuer.
Zwischen Technik, Ethik und Recht
Auch Franziska Sprecher, Professorin für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Bern, wies auf die rechtlichen Herausforderungen pauschaler Prädiktionen hin. Sie stellte die Frage, ob diese dem Gedanken der sozialen Krankenversicherung widersprechen.
Das heutige System, 1996 per Volksentscheid eingeführt, basiert auf Solidarität, dem Verzicht auf risikogerechte Prämien und damit gleichen Leistungen für alle. Sprecher erinnerte daran, dass die Anbieter sozialer Krankenversicherungen eine staatliche Aufgabe wahrnehmen und an Grundrechte wie Datenschutz, Selbstbestimmung und Diskriminierungsverbot gebunden sind.
Genomische Tests zur Pflicht zu machen, würde diese Grundrechte tangieren. Die Frage, wie viel Zwang zu Lebensstiländerungen, Behandlungen oder Tests zulässig ist, sei hochsensibel und bedürfe eines gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses.
Fazit: Prädiktion nur, wo sie angezeigt ist
Prädiktion verspricht, Krankheiten früher zu erkennen, gezielter zu handeln, effizienter zu wirtschaften. Doch der Mensch ist kein industrielles Produkt, bei dem ein Defekt antizipiert und prophylaktisch ausgetauscht werden kann. Was für Maschinen logisch erscheint, greift beim Menschen zu kurz – denn er reagiert emotional, sozial und individuell auf Wahrscheinlichkeiten.
Statt eines blinden Vertrauens in Technik braucht es eine reflektierte gesellschaftliche Debatte, die Ethik, Recht, Psychologie und soziale Gerechtigkeit gleichermassen mitdenkt.
Quelle
* Befragung «Krankheitsvorhersage» unter Studierenden und Seniorinnen und Senioren. Autoren: Dr. Sc. Cèline Bolliger, unter Leitung von Prof. Dr. Stefan Boes, Dekan Fakultät Gesundheitswissenschaften und Medizin. Unter der Mitwirkung von Anna Romanova, MSc; Prof. Dr. Jürgen Stremlow.
Der Mensch ist kein Toyota