«Das ist doch psychosomatisch!» Diese leicht dahin gesagte Äusserung lässt der Spekulation freien Lauf. Eine Andeutung, die Tieferes vermuten lässt – aber man will ja nichts Konkretes gesagt haben. Doch angedeutet wird so manches: Eine psychische Ursache für ein körperliches Leiden mindestens. Unbewältigtes wird der leidtragenden Person unterstellt oder gar Simulation. In diesen Gleichsetzungen lauern Stigmatisierungen – als psychisch kranker Mensch zu gelten, als Simulant oder als Hypochonder. Für Betroffene kann diese Stigmatisierung in einen Teufelskreis sich verstärkender Krankheitsprobleme führen.
Ursprünge der Psychosomatik
Die synonyme Verwendung des Begriffs «psychosomatisch» mit «psychisch bedingt» entspricht dabei einem allgemeinen Verständnis, das jedoch in der heutigen medizinischen Betrachtungsweise deutlich zu kurz greift.
Das Konzept der Psychosomatik wurde von der Freudschen Psychoanalyse geprägt und geht auf die Idee der Konversion zurück. Sigmund Freud ging in seiner Theorie der Konversion von der Übertragung von Affekten wie Aggression, Wut, Angst, Hilflosigkeit oder Schuld auf Organe aus. Die Symptome solcher Konversionen zeigten sich nach Freud beispielsweise als Kopfschmerzen, Magen-Darm-Probleme, Ohnmachtsanfälle. Unerträgliche psychische Zustände werden dabei auf die körperliche Ebene verschoben, auf der dann mitunter schmerzhafte Abwehrreaktionen stattfinden. Mit dieser Konversion von der Psyche in den Körper (Soma) werden nach diesem Verständnis unerträgliche Konflikte vom Ich ferngehalten.
Das biopsychosoziale Krankheitsmodell
In der heutigen Betrachtungsweise einer Wechselwirkung von Psyche und Soma wird vom biopsychosozialen Krankheitsmodell gesprochen. In diesem Modell gibt es keine reinen somatischen, psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen. Stattdessen gibt es Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche, die einander bedingen können, aber nicht müssen. In diesem empirisch-naturwissenschaftlichen Zugang zum Konzept der Psychosomatik sind Gesundheit und Krankheit nicht klar voneinander abzugrenzende Begriffe.
Ein auf Wechselwirkungen zwischen Psyche und Körper basierendes Verständnis entwickelte sich seit den 1960er Jahren, wobei die soziale Umgebung des Individuums in die Forschung über stressauslösende Faktoren und deren psychische und somatische Manifestationen einbezogen wurde.
Neue medizinische Disziplinen
Während die erste Phase, die sich mit der Psychogenese psychosomatischer Erkrankungen befasste, in der Schweiz wenig Beachtung fand (Buddeberg 2004), gab es beim Konzept der biopsychosozialen Medizin zahlreiche Entwicklungen, die die psychosomatische Medizin etabliert haben. Die dritte Phase seit den 1990er Jahren beschreibt Buddeberg als psychobiologische, die eine enge Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Psychotherapeuten vorsieht. Körperliche Veränderungen und Verhalten beeinflussen sich in diesem Modell gegenseitig. Die Forschungen auf diesem Gebiet werden stark von der Inneren Medizin getrieben (von Känel/Zwahlen et al. 2018); sie haben Disziplinen wie die Psychokardiologie, Psychoimmunologie und Psychoonkologie hervorgebracht.
Seit den 1970er Jahren etabliert sich die Verhaltensmedizin, die über verhaltensorientierte Verfahren die Behandlung somatischer Erkrankungen günstig beeinflussen kann, was wiederum den Wechselwirkungsmechanismus von Psyche und Soma bestätigt.
Den Ursachen eines Leidens auf der Spur
Bei einer Befunderhebung werden die Selbstauskünfte von Patienten über Beschwerden einerseits mit Beobachtungen durch die medizinische Fachperson und andererseits mit Untersuchungen möglicher körperlicher Ursachen abgeglichen. Berichtet beispielsweise eine Person von Schlafstörungen und innerer Unruhe, werden äussere Anzeichen gesucht, die diese Beschwerden bestätigen. Das kann sich beispielsweise in Körperhaltung oder Mimik manifestieren oder über Hinweise auf Konzentrationsstörungen. Mögliche körperliche Ursachen eines Schlafmangels sind vielfältig; häufig kommt zum Beispiel die sogenannte Schlafapnoe vor. Dabei handelt es sich um Atemstillstände, die durch erschlaffende Rachenmuskulatur verursacht werden können, was zu Schlafunterbrechungen führt. Auch können Substanzen in Medikamenten oder Lebensmitteln bestimmte körperliche Reaktionen hervorrufen und aufputschende Wirkung entfalten. Hier ist also etwas ärztliche Detektivarbeit zu leisten.
Wenn körperliche Ursachen oder direkte Umwelteinflüsse sowie eingenommene Substanzen ausgeschlossen werden können, stellt sich die Frage, warum Patienten Schmerzen und Beeinträchtigungen erleben, auch wenn objektive Trigger fehlen. Es stellen sich Fragen nach Motiven, Intentionen und möglichen psychischen Störungen.
Krankheitskonzept und Psychosomatik