Mitarbeitende mit ADHS erfolgreich führen
Wie können neurotypische Führungskräfte Mitarbeitende mit ADHS erfolgreich führen? Diese Frage untersuchte Marisol Vilas im Rahmen ihres Studiums in angewandter Psychologie und hat eine praxisorientierte Checkliste für Führungskräfte entwickelt.
Von Marisol Vilas
Ein «Verstand wie ein Rennwagen mit Fahrradbremse» – diese Metapher bringt ADHS ziemlich treffend auf den Punkt. Entscheidend ist jedoch, was daraus im Arbeitskontext gemacht wird. Denn: Der Rennwagen ist nicht fehlkonstruiert – er wird oft einfach im falschen Umfeld eingesetzt.
Genau hier setzt die zentrale Erkenntnis meiner Arbeit an: Nicht ADHS ist das eigentliche Problem im Arbeitsalltag – sondern der Umgang damit. ADHS wird häufig über seine Kernsymptome beschrieben: Unaufmerksamkeit, Impulsivität und innere Unruhe. Doch diese Beschreibung greift zu kurz.
So ist «Unaufmerksamkeit» in vielen Fällen kein Mangel, sondern ein Übermass an Wahrnehmung. Informationen werden gleichzeitig aufgenommen, gefiltert wird nur eingeschränkt. Wichtiges und Unwichtiges stehen gleichberechtigt nebeneinander.
Diese Funktionsweise bringt Herausforderungen – aber auch besondere Stärken mit sich:
- kreatives, nicht-lineares Denken
- hohe kognitive Geschwindigkeit
- schnelle Erfassung komplexer Zusammenhänge
- ausgeprägte Assoziationsfähigkeit
- Improvisationsstärke in dynamischen Situationen
- Empathie und Sensibilität für soziale Stimmungen
ADHS sollte damit weniger als Defizit, sondern als alternatives «Betriebssystem» betrachtet werden, das in passenden Kontexten aussergewöhnliche Leistungen ermöglicht.
Wenn FĂĽhrung Verhalten falsch interpretiert
Im Arbeitsalltag werden ADHS-typische Verhaltensweisen häufig fehlinterpretiert:
- Vergesslichkeit wird als mangelnde Zuverlässigkeit gedeutet
- Unstrukturiertes Arbeiten als fehlende Professionalität
- Impulsives Verhalten als Respektlosigkeit
Die Arbeit zeigt jedoch klar: Diese Zuschreibungen greifen zu kurz. Es handelt sich nicht um mangelnden Willen, sondern um eine andere Verarbeitung von Reizen und Informationen. Genau hier entsteht ein entscheidender Fehler in der FĂĽhrung:
Verhalten wird bewertet – ohne den Kontext zu verstehen.
ADHS als Verstärker von Führung
Ein zentrales Ergebnis meiner Arbeit ist, dass ADHS wie ein Verstärker wirkt: Schwächen in der Führung werden sichtbarer. Gute Führung wirkt hingegen stärker. Warum? Weil Mitarbeitende mit ADHS besonders sensibel auf ihre Umgebung reagieren – insbesondere auf:
- die Qualität der Beziehung
- Klarheit in der Kommunikation
- Struktur und Orientierung im Arbeitsalltag
Fehlen diese Elemente, entstehen schnell Unsicherheit, Überforderung und Missverständnisse. Sind sie vorhanden, können Stärken gezielt zur Entfaltung kommen.
Der SchlĂĽssel liegt in der Beziehung
Die Arbeit zeigt deutlich: Erfolgreiche Führung von Mitarbeitenden mit ADHS basiert weniger auf Methoden als auf einer stabilen Beziehung. Menschen mit ADHS reagieren besonders sensibel auf zwischenmenschliche Unsicherheiten. Gleichzeitig können Kritik oder Missverständnisse emotional stark verarbeitet werden.
Eine vertrauensvolle Beziehung wirkt hier stabilisierend. Sie schafft die Grundlage fĂĽr:
- konstruktiven Umgang mit Feedback
- emotionale Sicherheit
- verlässliche Zusammenarbeit
Authentizität spielt dabei eine zentrale Rolle. Unechtes oder widersprüchliches Verhalten wird schnell wahrgenommen und kann Vertrauen nachhaltig beeinträchtigen.
Klarheit als FĂĽhrungsinstrument
Neben der Beziehung ist Kommunikation der zweite entscheidende Hebel. Unklare, indirekte oder implizite Kommunikation verstärkt die ohnehin bestehende Schwierigkeit, Informationen zu priorisieren. Aufgaben wirken schnell überfordernd oder verlieren an Fokus.
Wirksam sind hingegen:
- klare Prioritäten
- transparente Erwartungen
- konkrete Schritte
- sichtbare Vereinbarungen
Diese Form der Kommunikation reduziert Unsicherheit, schafft Orientierung und stärkt die Handlungsfähigkeit.
Die unterschätzte Stärke: Hyperfokus
Ein häufiges Missverständnis ist die Annahme, Menschen mit ADHS könnten sich grundsätzlich schlechter konzentrieren. Die Forschung zeigt das Gegenteil: Bei starkem Interesse kann ein Zustand intensiver Konzentration entstehen – der sogenannte Hyperfokus. In diesem Zustand sind aussergewöhnliche Leistungen möglich:
- tiefes Eintauchen in komplexe Themen
- kreative Problemlösungen
- hohe Arbeitsqualität
Die Aufgabe der Führung besteht darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, die diesen Fokus begünstigen – etwa durch interessenbasierte Aufgaben oder ungestörte Arbeitsphasen.
Struktur und Freiheit als gemeinsame Grundlage
Erfolgreiche FĂĽhrung im Kontext ADHS bewegt sich in einem Spannungsfeld:
- Einerseits benötigt eine zielorientierte Führung klare Strukturen: Prioritäten, Zwischenziele, nachvollziehbare Abläufe.
- Andererseits sollte motivierende Führung aber auch Freiräume schaffen: für Kreativität, Eigenständigkeit und individuelle Arbeitsweisen.
Ein entsprechend ausbalanciertes Zusammenspiel ermöglicht, sowohl Herausforderungen zu stabilisieren als auch Stärken gezielt zu nutzen.
Fazit: ADHS fordert nicht Anpassung der Mitarbeitenden – sondern der Führung
Erfolgreiche Führung von Mitarbeitenden mit ADHS entsteht nicht durch Kontrolle oder Korrektur von Verhalten – sondern durch Anpassung von Führung selbst. Was dafür notwendig ist, sind keine Speziallösungen, sondern Elemente guter Führung:
- Vertrauen und tragfähige Beziehungen
- klare, transparente Kommunikation
- strukturierte, aber flexible Arbeitsgestaltung
- konsequente Nutzung von Stärken
Mitarbeitende mit ADHS erfolgreich führen