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Wenn 90 das neue 65 wird

Die Menschen in der Schweiz leben länger als in fast jedem anderen Land der Welt. Was für Einzelne eine gute Nachricht ist, wird für das Sozial- und ­Gesundheitswesen, Unternehmen und HR-Verantwortliche zur Kernfrage der kommenden Jahrzehnte: Wie lässt sich ein langes Leben auch gut finanzieren, wie lässt sich gut arbeiten und gut altern?

24.09.2026
Lesezeit: 6 min

Eine Frau, die heute in der Schweiz geboren wird, kann im Schnitt mit 85.9 Lebensjahren rechnen, ein Mann mit 82.4 Jahren.[1] Damit gehört die Schweiz weltweit zur Spitzengruppe – nur wenige Länder wie z.B. Japan liegen gleichauf. Wer mit 65 in Rente geht, hat oft noch gut zwei weitere Jahrzehnte vor sich: Männer im Schnitt 20.4, Frauen 23 Jahre. Zum Vergleich: Bei der Einführung der AHV im Jahr 1948 konnte eine 65-jährige Frau mit rund 14 weiteren Lebensjahren rechnen.[2] Die Lebensphase, in der Menschen Renten beziehen, hat sich also fast verdoppelt – und dieser Trend geht vorerst weiter. Für das Jahr 2050 prognostizieren Fachleute eine Lebenserwartung bei Geburt von durchschnittlich 85 Jahren für Männer und 88 Jahren für Frauen.[3]

Dieser stille, aber unaufhaltsame Trend hat einen Namen bekommen: Longevity. Und er beschäftigt längst nicht mehr nur Demografen und Versicherungsmathematikerinnen. Er wirkt sich aus auf die Art, wie Menschen in der Schweiz arbeiten, älter werden und sparen.

Reicht das Geld fĂĽr ein langes Leben?

Die naheliegendste Frage ist auch die unbequemste: Reicht das Ersparte für eine Nacherwerbsphase, die 25 Jahre oder länger dauern kann? Gemäss der IFZ Longevity Studie 2026 richten viele Menschen ihre Finanzplanung noch immer an der durchschnittlichen Lebenserwartung aus – nicht an der realistischen Chance, deutlich älter zu werden. Wer heute mit 65 in Pension geht, sollte laut der Studie damit rechnen, deutlich über die eingangs genannten 20 bis 23 Jahre hinauszukommen: Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung verbringt 25 Jahre oder mehr im Ruhestand.

Gleichzeitig gerate das Drei-Säulen-System selbst unter Druck: Mit einer alternden Bevölkerung stehen AHV und Pensionskassen vor wachsenden Herausforderungen, während private Vorsorge und frühzeitiges Sparen an Bedeutung gewinnen. Diese Möglichkeiten stehen jedoch nicht allen offen: Haushalte im untersten Einkommensfünftel sparen gemäss BFS-Zahlen häufig gar nicht, sondern zehren ihr Vermögen auf oder verschulden sich, während höhere Einkommen deutlich mehr in freiwilliges Sparen und die Säule 3a investieren können.[4] Longevity droht damit bestehende soziale Ungleichheiten zu verschärfen – und entwickelt sich gleichzeitig zu einem der prägenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturtrends dieses Jahrhunderts, auch als Investmentthema (Nachfrage nach Gesundheits-, Pflege-, Wohn-, Technologie- und Finanzlösungen), wenngleich dieses sich noch in einer frühen Phase befinde (IFZ Longevity Studie 2026).

Für Sozialversicherungs- und Vorsorgefachleute heisst das: Beratung, die nur mit Durchschnittswerten rechnet, greift zu kurz. Gefragt sind Modelle, die die Wahrscheinlichkeit eines langen Lebens explizit einpreisen – von flexiblen Kapitalbezügen bis zu Produkten, die gezielt vor finanziellen Risiken eines langen Lebens schützen.

Länger leben, länger arbeiten?

Wenn die Lebenserwartung steigt, die Geburtenrate aber tief bleibt, verschiebt sich das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Rentenbeziehenden spürbar. Der Anteil der Erwerbstätigen ab 55 Jahren lag 2023 bereits bei 23%, die Tendenz ist steigend. Gleichzeitig gehen in der Schweiz seit dem Jahr 2020 mehr Menschen in Rente, als neu ins Erwerbsleben eintreten – eine Entwicklung, die sich in den kommenden Jahren noch verstärken dürfte.[5]

Das Potenzial wäre eigentlich vorhanden: Eine neue Swiss-Life-Studie zeigt, dass fast die Hälfte der 50- bis 63-/64-Jährigen bereit wäre, im Rentenalter weiterzuarbeiten, wenn es die Gesundheit erlaubt, ein gutes Arbeitsklima herrscht, die Wertschätzung der Arbeitgebenden vorhanden ist und eine faire Entlöhnung erfolgt.

Die Realität sieht heute jedoch anders aus, denn die Erwerbsquote sinkt bereits ab 60 Jahren merklich, und Früh- oder Zwangspensionierungen sind weiterhin verbreitet.[6] Ältere Stellensuchende haben es ungleich schwerer, nach einem Jobverlust wieder eine Anstellung zu finden.[7]

Damit bleibt ein doppeltes Potenzial ungenutzt – zum Nachteil der Unternehmen, die auf erfahrene Fachkräfte verzichten, und zum Nachteil jener, die gerne länger arbeiten würden. Verschärft wird dies durch eine gewisse Zurückhaltung auf beiden Seiten: Ältere Arbeitnehmende wechseln seltener die Stelle, Arbeitgebende zögern bei Neueinstellungen ab 55 Jahren[8] – ein Effekt, der sich gerade in Branchen mit ohnehin akutem Fachkräftemangel gegenseitig verstärkt.[9]

Für HR-Verantwortliche eröffnet sich hier dennoch ein Gestaltungsfeld. Dazu gehören altersgerechte Arbeitszeitmodelle und Teilzeitpensen im letzten Erwerbsdrittel, eine Laufbahnplanung, die über das 60. Lebensjahr hinausdenkt, gezielter Wissenstransfer zwischen den Generationen etwa in Tandem- oder Mentoring-Modellen sowie eine Unternehmenskultur, die Erfahrung nicht gegen Flexibilität ausspielt, sondern beides kombiniert. Auch die Rekrutierung selbst gehört auf den Prüfstand: Wo Stelleninserate, Auswahlverfahren oder unbewusste Altersbilder ältere Bewerbende unbeabsichtigt ausschliessen, verschenken Unternehmen ein wichtiges Potenzial auf einem ohnehin angespannten Arbeitsmarkt.

Nicht nur länger leben, sondern gesünder

Nicht jedes zusätzliche Lebensjahr ist automatisch ein gutes Jahr. Die gesunde Lebenserwartung – also die Anzahl Jahre ohne gravierende gesundheitliche Einschränkungen – liegt in der Schweiz durchschnittlich bei 72 Jahren.[10] Das bedeutet: Im Durchschnitt sind die letzten zwölf bis dreizehn Lebensjahre von gesundheitlichen Einschränkungen geprägt. Dabei rĂĽckt neben körperlichen Beschwerden zunehmend auch die psychische Gesundheit in den Fokus.[11] Genau hier setzt der eigentliche Kern des Longevity-Gedankens an – die lange Lebenszeit soll auch in guter psychischer und physischer Gesundheit verbracht werden.

Für Unternehmen ist das mehr als ein individuelles Gesundheitsthema. Betriebliches Gesundheitsmanagement, Prävention und altersgerechte Arbeitsbedingungen entscheiden mit darüber, ob ältere Mitarbeitende bis zur Pensionierung – oder darüber hinaus – leistungsfähig bleiben. Wer Longevity ernst nimmt, denkt Gesundheitsförderung nicht erst ab 60, sondern über die gesamte Erwerbsbiografie hinweg.

Was die Hundertjährigen-Forschung lehrt

Dass ein langes Leben nicht zwangsläufig mit vielen Jahren der Fragilität einhergehen muss, zeigt die sogenannte Blue-Zones-Forschung: Sie untersucht Weltregionen mit auffällig vielen gesunden Hochbetagten, etwa auf Sardinien, Okinawa oder in Costa Rica. Als wiederkehrende Resilienzfaktoren gelten dabei vor allem vier Elemente: eine stabile soziale Einbindung, natürliche Alltagsbewegung statt gezieltem Fitnesstraining, eine erlebte Sinnhaftigkeit im Alltag – in Japan als «Ikigai», in Costa Rica als «Plan de Vida» bekannt – sowie eine überwiegend pflanzenbasierte Ernährung.[12] Die Datenbasis ist allerdings umstritten: Forschende bemängeln unter anderem lückenhafte Geburtsurkunden und mögliche ­Verzerrungen durch Rentenbetrug, weshalb einzelne Altersrekorde mit Vorsicht zu geniessen sind.[13] Im Sinne einer groben Orientierung für ein gesundes Altern gelten die Befunde dennoch als plausibel.

Für die Sozialpolitik zählt, wie die zusätzlichen Lebensjahre verbracht werden: in Wohlbefinden und Selbständigkeit oder in kostenintensiver Pflege und Betreuung. Longevity ist damit nicht nur individuelles Schicksal, sondern auch eine gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe. Bemerkenswert ist etwa, dass Hochaltrige in Blue-Zones-Gemeinschaften oft aktiv eingebunden bleiben, z.B. in Kinderbetreuung, Wissensvermittlung oder Nachbarschaftshilfe, also nicht nur Unterstützung empfangen, sondern selbst auch Unterstützung geben.

Als politisches Handlungsfeld lassen sich Prävention und gesundes Altern deshalb als Investition begreifen, die sich langfristig auszahlt – etwa durch tiefere Pflegekosten und eine länger erhaltene Selbständigkeit. Dazu gehört auch die Rolle der Zivilgesellschaft: Vereine, Nachbarschaftsnetzwerke und Freiwilligenarbeit können soziale Einbindung im Alter fördern, wo staatliche oder betriebliche Angebote an ihre Grenzen stossen. Nicht zuletzt rückt die Situation betreuender Angehöriger stärker in den Fokus – sie übernehmen einen grossen Teil der informellen Pflege und Betreuung und sind auf Unterstützung durch Sozialversicherungen und Arbeitgebende angewiesen, wenn sich Erwerbsarbeit und Betreuung vereinbaren lassen sollen.

Was das fĂĽr Unternehmen und HR bedeutet

Die Zahlen zeigen: Langlebigkeit ist kein Nischenthema für Demografinnen, sondern eine Entwicklung, die Sozialversicherungen, Vorsorgeeinrichtungen und Arbeitgebende gleichermassen betrifft. Drei Fragen dürften Unternehmen in den kommenden Jahren zunehmend beschäftigen:

  • Wie lässt sich das Potenzial älterer, erfahrener Mitarbeitender in der Personalplanung noch besser nutzen?
  • Welche Anforderungen mĂĽssten zukĂĽnftige Stellenprofile erfĂĽllen, um den Verbleib im Unternehmen bis zum Rentenalter und darĂĽber hinaus zu ermöglichen?
  • Welche präventiven Massnahmen sichern nicht nur ein langes, sondern ein gesundes und produktives Erwerbsleben?

Die Antworten darauf werden nicht von der Demografie allein gegeben – sie werden von Unternehmen, Sozialpartnern, der Politik und letztlich von uns allen aktiv gestaltet. Longevity ist damit weniger ein Schicksal als eine Gestaltungsaufgabe.

[1] Bundesamt fĂĽr Statistik: Lebenserwartung.
[2] Hille, A. & Berchtold, N. (2026). IFZ Longevity Studie 2026. Institut fĂĽr Finanzdienstleistungen Zug (IFZ).
[3] Statista. Lebenserwartung bei der Geburt in der Schweiz nach Geschlecht von 2015 bis 2025.
[4] Die Volkswirtschaft. Die Schweiz ist eine Sparnation.
[5] Bundesamt fĂĽr Sozialversicherungen: AHV 21.
[6] Swiss Life. Die Erwerbsbeteiligung ab 65 stagniert in der Schweiz, während sie in unseren Nachbarländern ansteigt.
[7] Staatssekretariat fĂĽr Wirtschaft (2026) (Hg.). Die Lage auf dem Arbeitsmarkt. Bern.
[8] HR Today Research. Ältere Arbeitnehmende – Herausforderungen und Lösungen.
[9] Forum BGM Aarau. Ältere Mitarbeitende und Generationen-Management.
[10] Statistik Journal. Lebenserwartung Schweiz: 84 Jahre und weiter steigend.
[11] Obsan. Nationaler Gesundheitsbericht 2025. Die psychische Gesundheit älterer Menschen.
[12] Buettner D., Skemp S. (2016). Blue Zones: Lessons From the World’s Longest Lived. Am J Lifestyle Med. Jul 7;10(5):
318-321. doi: 10.1177/1559827616637066. PMID: 30202288; PMCID: PMC6125071.
[13] NZZ. Researcher: Idea of «blue zone» longevity hot spots is nonsense.

Take Aways

  • Longevity droht bestehende soziale Ungleichheiten zu verschärfen. Während AHV und Pensionskassen unter demografischem Druck stehen, können sich tiefere Einkommen kaum zusätzliches Sparen leisten.
  • Ungenutztes Potenzial am Arbeitsmarkt: Fast die Hälfte der 50- bis 64-Jährigen wäre bereit, länger zu arbeiten – trifft aber auf sinkende Erwerbsquoten ab 60, eine schwierige Stellensuche im Fall von Arbeitslosigkeit und zurĂĽckhaltende Arbeitgebende.
  • Die gesunde Lebenserwartung liegt bei rund 72 Jahren, also deutlich unter der durchschnittlichen Lebenserwartung – die letzten Lebensjahre sind häufiger von körperlichen und zunehmend auch psychischen Einschränkungen geprägt.
  • Longevity ist gestaltbar. Zu den wichtigen Einflussfaktoren gehören die soziale Einbindung, ein gesunder Lebensstil, die Erfahrung von Sinnhaftigkeit und eben auch das betriebliche Gesundheitsmanagement. Wie die zusätzlichen Jahre verbracht werden, lässt sich individuell wie politisch beeinflussen.

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