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Erst No Future, dann Ok, Boomer

Donnerstag, 29. Oktober 2020 - Klaus Eck
Der Chef einer Content-Marketing-Agentur, Klaus Eck, Jahrgang 1964, über den Wandel in der Zusammenarbeit mit seinem jungen Team und die neuen Regeln in der Arbeitswelt.

«Ok, Boomer», klingt uns von den jungen Generationen entgegen und entwertet die Erfahrungen, die wir einmal gemacht haben. Wir leben in einer neuen Welt, in der das Alte wenig zählt. Früher war nicht alles besser, aber anders: vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Ich gehöre zu den Babyboomern, bin 1964 geboren und damit Mitglied der grössten Alterskohorte. Das klingt machtvoll, ist es aber nicht. In den Medien ist meine Generation gerne als Schülerberg, danach als Studentenberg und schon jetzt als Rentenberg tituliert worden. Wir sind die vielen, die alles dominieren und deshalb frühzeitig gelernt haben, dass auf uns niemand wartet. Als Akademiker trafen wir auf volle Hörsäle, auf einen vollen Arbeitsmarkt mit vielen Arbeitslosen und geringen Jobchancen.

Viel erwarten durfte ich deshalb in den 1990er Jahren nicht, konnte aber als Sozialwissenschaftler eine Marketingfortbildung machen und als Quereinsteiger glücklich in die Medien- und Internetwelt eintauchen, die es mir ab 2000 ermöglichte, mit einer kleinen Agentur in die Selbständigkeit zu starten.

Nach wenigen Jahren hatte ich die ersten jungen Mitarbeiter, die sehr schnell viel Verantwortung erhielten und sehr selbständig denken und arbeiten können. Als Chef einer Digitalagentur war ich immer auf junge Talente angewiesen und konnte nicht dem Ausbildungssystem vertrauen. Social Media Management, Online-PR, Online-Marketing und Content-Strategie konnte man an den Universitäten erst viel später kennenlernen.

Medien wie «Fast Company», «Wired», «Brandeins» und «Harvard Businessmanager» gehörten frühzeitig zu meinen Lieblingslektüren. Doch es hat sich in den vergangenen Jahrzehnten etwas verändert. Sowohl auf Agentur- als auch Kundenseite wird weniger Fachliteratur gelesen. Das scheint nur ein Gefühl zu sein, doch Marketiers, die viele Bücher – gar Romane – verschlingen, sind seltener geworden. Der Bildungskanon hat sich verändert. An die umfassenden Werke trauen sich nur noch wenige heran, stattdessen sind kurze Texte aus dem Internet beliebter geworden. Sie lassen sich überfliegen, scannen. Die Handlungsanweisung und das Rezept sind heute erfolgreicher bei Generation Y und ihren Nachfolgern.

«Unser Nachwuchs ist nicht egoistischer geworden, allenfalls egozentrischer, sich selbst bewusster.»

Zur Person

Klaus Eck ist Geschäftsführer der Content-Marketing-Agentur d.Tales in München. Der Berater und Keynote-Speaker unterstützt seit mehr als 25 Jahren Marken bei der Digitalisierung ihrer Unternehmens-, Marketing- und Kommunikationsprozesse. Ausserdem ist er Lehrbeauftragter an der FH Joanneum in Graz (Content Strategy). Er hat zahlreiche Fachbücher (u.a. «Karrierefalle Internet», «Transparent und glaubwürdig») und Artikel veröffentlicht. Darüber hinaus betreibt er seit 2004 das Fachmedium PR-Blogger (PR-Blogger.de).

Dennoch sind die Generationen X, Y und Z gebildeter denn je. Nur geht es um anderes: um den Sinn und die Berufung. Was früher der Job für die wirtschaftliche Existenz war, ist heute die Berufung in einem sinnerfüllten Leben. Selbstverwirklichung heisst nicht mehr, im Job voranzukommen, sondern das Richtige für die eigene, persönliche Welt zu tun.

Nein, unser Nachwuchs ist nicht egoistischer geworden, allenfalls egozentrischer, sich selbst bewusster, was ich nicht unbedingt negativ bewerten würde. Deshalb lassen sich die jungen Generationen heute weniger gefallen, wollen vielleicht nicht nur friedens- und klimabewegt die Welt verändern, sondern ihre ganze private Welt stärker nach ihren individuellen Bedürfnissen ausrichten.

Als Arbeitgeber habe ich in den vergangenen Jahren des öfteren Bewerbungsgespräche geführt, in denen die Bewerber mich unter die Lupe genommen und einzelne Häkchen in ihrer privaten Checkliste gemacht haben. Formal gesehen bekam ich von ihnen eine Bewerbung. Doch beim ersten Gespräch musste ich mein Unternehmen attraktiv präsentieren und deutlich machen, inwiefern meine Agentur zu den Bewerbern passt. Nicht umgekehrt. Wer qualifizierte Arbeitskräfte sucht, erlebt so etwas in einem gesättigten Arbeitsmarkt immer häufiger. Es gibt klare Forderungen vonseiten der Arbeitnehmer und ein grosses Bedürfnis nach Förderung.

Nur der Leistungsgedanke, der früher prägend war, ist ins Hintertreffen geraten. Das zeigt sich schon in den fehlenden Rechtschreibkenntnissen. Die neue deutsche Rechtschreibung hat zur Liberalisierung geführt, niemand kümmert sich beim Schreiben mehr um die Kommasetzung.

An die Stelle der alten Ordnung im Marktgeschehen ist zudem das «friendly business» getreten, in dem alle miteinander einen Freundeskreis bilden und einander gefallen wollen. Hierarchien werden unwichtiger in dieser schönen neuen Welt.

Auch das Bedürfnis direkter und persönlicher mit Kunden umzugehen, ist gross. Deshalb stellte sich in unserer Agentur irgendwann die Frage, ob wir unsere Kunden duzen oder siezen sollen. Anfangs irritierte mich das sehr, doch dann verstand ich, was dahintersteckt. Wir leben in wirtschaftlich prosperierenden Zeiten, in denen der Umgang miteinander ziviler und persönlicher geworden ist.

Die Corona-Zeit hat diese gesellschaftliche Entwicklung weiter forciert. Was bringt ein Anzug mit einer Krawatte, wenn ich im Homeoffice per Videokonferenz einen Kundentermin wahrnehme? Ich habe in der Coronakrise keine Gelegenheit gehabt, meine Anzüge zu tragen. Daher habe ich die meisten in die Altkleidersammlung gegeben. Anzüge sind seit vielen Jahren in Agenturen aus der Mode gekommen. Jeans, T-Shirt und Hoodies ersetzen die alten Uniformen. Agile Formen der Zusammenarbeit werden in unserer Gesellschaft wichtiger und das Du setzt sich im Business immer mehr durch.

Ich empfand das Duzen fremder Menschen früher als anbiedernd. Wenn ich mit jemandem eine emotionelle Nähe teile, gehe ich persönlich gerne zum Du über. Doch für die jüngeren Generationen ist das Sie altbacken und unpassend für eine hippe Agentur. Aus diesem Grunde ist das schnelle Du für uns in der Kundenansprache häufiger geworden. Das passt auch zu den vielen Kontaktanfragen und dem hohen Grad unserer Vernetzung via LinkedIn oder Twitter. Die neue digitale Nähe erleichtert das Du.

Neue Regeln von den jungen Generationen gefordert

Dennoch sollte man vorsichtig sein, wenn man junge Mitarbeiter einstellt. Es gilt einiges bei ihrer Eingliederung in ein gewachsenes System zu beachten. Folgende Anleitung zur Behandlung junger Mitarbeiter sollte man sich zu Herzen nehmen.

Onboarding: Wie viel Vorwissen sollten Mitarbeiter in einem Unternehmen haben und wie viel können wir von ihnen als Know-how-Träger erwarten? Unsere Ausbildungssysteme entlassen viele Studenten und Auszubildende mit wenig praxisnahem Wissen. Je nach Ausbildung können die High Potentials schreiben, Social Media bespielen und sehr gute Präsentationen erstellen. Dennoch fangen die meisten gefühlt bei Null an. Dafür erwarten sie von ihren Arbeitgebern, dass diese ihnen alles in der Arbeitszeit beibringen, erklären und sie entsprechend fortbilden. Die Eigeninitiative ist zwar vorhanden, aber eher seltener anzutreffen.

Selbständigkeit: Unternehmerisch denken in eigener Sache? Fehlanzeige. Nur wenige sind bereit, ihre Work-Life-Balance zu gefährden. Wer pünktlich den Feierabend einläutet, hat wenig Interesse daran, sich selbst auf Neues einzulassen und sich in der Freizeit mit Businessthemen zu beschäftigen. Die Grenzziehung ist bei vielen Mitgliedern der Millennials und Generation Y absolut. Wer das als Chef in Frage stellt, macht sich schnell unbeliebt und könnte sogar den Krankheitsstand in die Höhe treiben.

Networking: Ausserhalb des direkten Umfeldes im Unternehmen ist die Bereitschaft der jungen Generationen, abends auf Businessveranstaltungen zu gehen, nicht besonders ausgeprägt. Dies passt oftmals nicht ins eigene Lebensschema, in dem die Arbeit bei weitem nicht so wichtig ist wie bei den Babyboomern und der Generation X.

Disziplin: Natürlich ist es einfach, als «alter Sack» das Arbeitsethos der Jungen anzuzweifeln. Genauso gut lässt sich die eigene Rolle hinterfragen, die in der Vergangenheit zu 70-Stunden-Wochen führte. Fortbildung war für mich um die Jahrtausendwende herum immer mein privates Vergnügen. Sie zahlt auf meine persönliche Karriere ein und war mir deshalb ein grosses Anliegen. Getrieben hat mich dazu niemand. Ein profundes Onboarding habe ich in meinen angestellten Tätigkeiten nur selten erhalten. Stattdessen wurde der Einstieg in den Job meiner Eigenverantwortung überlassen.

Interdisziplinäre Teams statt Silos

Hierarchien, mit denen wir Älteren aufgewachsen sind, werden immer unwichtiger. Die persönliche Expertise, das gegenseitige Vertrauen und die Lernfähigkeit werden bedeutender. Das ist abzulesen an der Etablierung von Corporate Influencern in den Unternehmen. Es sind erst wenige Mitarbeiter, die aufgrund ihrer Expertise in der digitalen Öffentlichkeit als Markenbotschafter präsenter werden und ihre Organisationen vertreten. Nebenbei wandelt sich durch deren abteilungsübergreifende Zusammenarbeit das alte Silomodell. Interdisziplinäre Teams arbeiten im New-Work-Style an intelligenten Lösungen für ihre Kunden und verändern dadurch die Unternehmen als Organisationseinheiten selbst. Somit findet insgesamt eine Neubewertung der Unternehmenswelt statt, in der sich viele Regeln verändern. Das kann es den jungen wie den alten Generationen schwermachen, sich zu orientieren.

Lehren aus Corona

In der Corona-Zeit werden die Unternehmensprozesse und die Zusammenarbeit durch eine beschleunigte Digitalisierung nochmals durcheinandergeschüttelt, neu bewertet und massiv vorangetrieben. Wer hierbei nicht mitgeht, sich als Wissensarbeiter versteht und seine eigenen Kompetenzen persönlich ausbaut, könnte in der nächsten Wirtschaftskrise in einer neuen, flexibleren Arbeitswelt auf der Strecke bleiben. Die Sinnsuche und private Selbstverwirklichung muss sich ein Wirtschafsakteur immer auch leisten können.
Mit «No Future» bin ich in den 1980ern aufgewachsen und habe später einige Weltkrisen (9/11, Finanzkrise) mit meinen Unternehmen durchgestanden. Heute führen uns nun ein Coronavirus und die Klimakrise vor, dass nichts so bleiben muss, wie es vielleicht gut war.

Take-Aways

  • Was früher der Job für die wirtschaftliche Existenz war, ist heute die Berufung in einem sinnerfüllten Leben.
  • Junge Arbeitnehmende stellen klare Forderungen und zeigen ein grosses Bedürfnis nach Förderung.
  • Es wird die Kultur des «friendly business» gepflegt, in der persönliche Beziehungen wichtiger sind als Hierarchien. Dies spiegelt sich auch in den Kundenbeziehungen wider.
  • Von den jungen Generationen werden neue Regeln eingefordert, die eine andere Leistungskultur abbilden.

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