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Wie der Stress in die Haut kommt

Donnerstag, 09. September 2021 - Dr. med. Marc Fouradoulas
Hautkrankheiten können psychisch belasten. Umgekehrt kann die Psyche aber auch die Haut belasten – und dies auch mit mehrmonatiger Verzögerung.

Psychosomatische Aspekte von Hautkrankheiten sind bereits seit vielen Jahren bekannt. Die Erforschung der Psychodermatologie hat dabei einen erstaunlichen Fundus an Wissen hervorgebracht. Leider hinkt dessen Anwendung im ärztlichen Alltag noch hinterher.

Ekzeme

Ekzeme gehören zu den häufigsten Hautkrankheiten und betreffen je nach Studie bis zu 20 % der Bevölkerung. Im beruflichen Umfeld zählen Handekzeme zu den häufigsten Berufskrankheiten der Haut. Bei Ekzemen handelt es sich um eine Gruppe entzündlicher, nicht-infektiöser Hautkrankheiten unterschiedlicher Ursache. Sie sind bezüglich Aussehen, Lokalisation und Ursache äusserst vielfältig. Durch die Entzündung kommt es zur Hautrötung, Bläschenbildung, Nässen, Krustenbildung und Schuppung. Die Hautbarriere wird so gestört und Betroffene leiden unter Juckreiz, schuppender Haut und schubweisen Verläufen. Bezogen auf ihre Ursache werden Ekzeme in allergische, toxische und atopische Ekzeme (Neurodermitis) eingeteilt. Entsprechend gestaltet sich die Behandlung, nämlich indem Auslöser wie Reizstoffe oder Allergene vermieden und Hautschutzmassnahmen berücksichtigt werden, für ausreichende Rückfettung gesorgt und bei ausbleibender Besserung das entzündungshemmende Cortison angewendet wird (siehe auch Artikel Rast). Aber nicht immer lässt sich eine Ursache identifizieren, und nicht selten kehrt das Ekzem nach der Behandlung wieder zurück.

Lässt sich keine äussere Ursache feststellen oder spricht die Therapie nicht an, lohnt es sich, auch die Lebensumstände zu erkunden. In Patientengesprächen werden häufig Zusammenhänge zwischen psychischen Belastungen und einem Aufflammen von Hautsymptomen wie Juckreiz oder Rötung offenbar. Wie kann diese Erkenntnis für Heilung und Prävention nützlich sein? Den Zusammenhängen zwischen dermatologischen Problemen und psychosozialen Faktoren widmet sich das Gebiet der Psychodermatologie, das bereits seit den 1970er Jahren die Wechselwirkung zwischen Haut und Psyche erforscht.

Besonders für Neurodermitis und Schuppenflechte wurden enge Zusammenhänge zwischen Entzündung und Stress schon weitgehend nachgewiesen. Das folgende Fallbeispiel veranschaulicht, wie sich so ein Zusammenhang darstellen kann.

Ein Fallbeispiel

Die junge Psychologiestudentin konsultierte wegen wiederkehrenden Ekzemen an Ellenbeugen und Lippen einen Dermatologen. Als Kind litt sie unter Neurodermitis. Die Jugendzeit war frei von Hautproblemen. Mit dem Ende der Jugendzeit begannen die Herausforderungen der Adoleszenz. Sie arbeitete ein Jahr Vollzeit als Flugbegleiterin; in dieser Zeit traten die Ekzeme wieder auf. Mit der Zeitumstellung, dem ständigen künstlichen Raumklima und Kunstlicht und anspruchsvollen Passagieren kam sie an ihre Grenzen. Der Dermatologe verschrieb ihr damals eine Cortison-Crème, mit deren Anwendung das Ekzem verschwand. Auch die Tätigkeit als Flugbegleiterin gab sie irgendwann auf.

Zwei Monate vor der ärztlichen Konsultation traten die Ekzeme dann wieder auf. Nun wollte die Studentin eine ganzheitliche Sicht der Hautproblematik gewinnen. Lag es vielleicht am Stress?

Für das Studium war sie ein Jahr zuvor in eine neue Stadt gezogen. Während der Pandemie fand das Studium vor dem Computerbildschirm statt. Das Sozialleben der Studentin war dadurch auf ein Minimum reduziert. Im ersten Studienjahr war der Selektionsdruck bei einer Durchfallquote von 50% sehr hoch. Die Studentin lernte ca. acht Stunden täglich und kam an ihre Grenzen. Sie trieb regelmässig Sport, ist schlank, raucht nicht, ernährt sich gesund und schläft gut. Kurz vor den Prüfungen traten die Ekzeme wieder auf. Nach den Prüfungen verschwanden sie wieder, diesmal ohne Cortison.

Wie dieser Fall zeigt, können beruflicher und schulischer Stress das Entzündungsgeschehen der Haut beeinflussen. Als die Belastungen aufhörten, verschwanden auch die Ekzeme – wahrscheinlich auch wegen eines gesunden Lebensstils und Ausgleichsbemühungen im Alltag. Die junge Studentin hat erkannt, dass ihre Haut unter Belastungen mitreagiert und ihr Grenzen aufzeigt.

Der Fall verdeutlicht, dass der Lebensstil – in diesem Fall die Arbeit als Flugbegleiterin oder Prüfungsstress – für Hauterkrankungen eine Rolle spielen kann. Eine kürzlich erschienene Kohortenstudie mit über 1400 Betroffenen von beruflich bedingten Handekzemen konnte aufzeigen, dass ein ungesunder Lebensstil (> 3 Risikofaktoren wie hohes Stresserleben, unsportlicher Lebensstil, Rauchen, Verzicht auf Jobwechsel) mit einem 2.67-fach höheren Risiko für Persistenz verbunden ist, also eine fast 3 x schlechtere Prognose aufweist.

Regelmässiger Sport moduliert das Immunsystem in entzündungshemmender Weise. Stress, Übergewicht und Rauchen wirken entzündungsfördernd. Dies sind zwar subtile Effekte, aber über längere Zeit können sie einen erheblichen Einfluss auf alle Organe ausüben. Messbar sind diese im Alltag leider nicht, aber das Puzzle aus Symptomen, Lebensstil und Lebenssituation ergibt ein Bild, das sich psychosomatisch einordnen lässt und oft mit der Hautentzündung einhergeht. Erfreulicherweise werden diese Erkenntnisse immer mehr auch bei Hautkrankheiten berücksichtigt.

Stress begünstigt Entzündungen

Zusammenhänge zwischen Stress und der Haut liessen sich bisher sowohl in Bevölkerungsuntersuchungen als auch molekular auf Ebene des Nerven- und Immunsystems – psychoneuroimmunologisch – nachweisen. Hautkrankheiten können einerseits die Psyche stark in Mitleidenschaft ziehen. Betroffene leiden überdurchschnittlich häufig unter Depressionen und Ängsten. Umgekehrt kann die Psyche aber auch die Haut belasten.

Beispielsweise ist im Vorfeld der Entwicklung von Neurodermitis, Psoriasis oder malignen Melanomen vermehrt ein psychisches Trauma nachzuweisen. Dass Stress entzündliche Hautkrankheiten begünstigen kann, gilt mittlerweile als gesichert, obwohl dies wissenschaftlich schwerer zu erfassen ist. Trotzdem sind diese Erkenntnisse sowohl Ärzten als auch Patienten nur wenig bekannt. Auch mangelnde Erfahrung im Umgang mit psychischer Belastung, Angst vor Stigmatisierung oder Zeitmangel können dazu beitragen, nur die Haut und nicht den Menschen zu behandeln.

Zum besseren Verständnis hierzu einige gesicherte Fakten:

  • Auf jeder Immunzelle in und unter der Haut befinden sich Rezeptoren für Stresshormone. Bei jeder Stressreaktion reagiert auch das Immunsystem mit. Psyche und Haut sind so über Nerven und Immunsystem eng verknüpft. – Bei chronischem Stress – seien es Traumatisierung, Angst oder Depression – verschiebt sich das Gleichgewicht des Immunsystems. Es kommt zu einer peripheren nicht-zellulären Entzündung, die pro-allergen und pro-autoimmun wirkt. Man spricht von Stress-verstärkter Entzündung.
  • Bei Neurodermitis wird unter psychosozialer Belastung in bis zu 50% der Fälle eine Hautverschlechterung beobachtet. Bei akutem Stress stellt sich diese in der Regel innerhalb von 24 Stunden ein. Bei Psoriasis kann diese zeitliche Verzögerung bis zu drei Wochen betragen.
  • Traumatische Lebensereignisse sind mit erhöhtem Auftreten von Neurodermitis, Psoriasis oder Hauttumoren in einem Zeitfenster von etwa sechs Monaten verbunden.

Literatur
Olesen, C. M., et al. «Factors influencing prognosis for occupational hand eczema: new trends.» British Journal of Dermatology 181.6 (2019): 1280–1286.

Ratschläge für den Alltag

1. Reagiert die Haut auf Stress?

  • Oft, aber nicht immer spielt die Psyche mit. Daher lohnt es sich, rückblickend bis zu einem halben Jahr vor einer neuen Hauterkrankung oder Verschlimmerung einer bestehenden Hauterkrankung mögliche psychische Belastungen zu erforschen.
  • Andere stressbezogene Symptome wie Schlafstörungen, chronische Müdigkeit oder Stimmungsschwankungen sollten in diese Erforschung einbezogen werden.

2. Was können Betroffene tun?
Alles, was hilft, den Stress zu reduzieren, wirkt sich auch lindernd auf die Entzündung aus. Das ist gut belegt für stressabbauende Aktivitäten wie moderaten Ausdauersport, Entspannungsübungen wie autogenes Training oder Meditation sowie für ausreichend Schlaf und soziale Unterstützung.

3. Wenn Betroffene erkennen, dass ihre Hauterkrankung auf psychische Probleme zurückgeht, sollten diese auch entsprechend erkannt und fachkompetent – ärztlich psychosomatisch, psychologisch – mitbehandelt werden.

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