Kolumne: DEI + B = ?
Vorurteile wirken sich auf alle Bereiche des Lebens aus. Engagieren wir uns aktiv für eine inklusivere Gesellschaft, tragen wir zu einer wertschätzenden und gerechten Arbeitskultur bei.
Ob jemand das Erwerbspensum reduziert, wie die Kinderbetreuung organisiert wird oder ob eine Ehe eingegangen wird, hängt von Lebensphasen, gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Präferenzen ab. Was dabei oft unterschätzt wird: die langfristigen finanziellen Folgen dieser Entscheidungen. Hier setzt das digitale Tool Cash or Crash des Frauendachverbands Alliance F an: Mit dem Tool können komplexe Vorsorge- und Finanzfragen niederschwellig, lebensnah und verständlich aufbereitet werden.
Laut eines Berichts der Online-Publikation CHSS des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) werden dank des Tools finanzielle Konsequenzen greifbar, die sonst abstrakt bleiben. Im Zentrum von «Cash or Crash» steht eine einfache, spielerische Logik: Nutzende simulieren zentrale Lebensentscheidungen, etwa Teilzeitarbeit, Kinderbetreuung oder Heirat, und sehen unmittelbar, wie sich diese auf Einkommen und Vorsorge auswirken. Das Tool richtet sich bewusst an Menschen, die sich bisher wenig oder gar nicht mit Finanz- und Vorsorgethemen beschäftigt haben – insbesondere an Frauen ab dem Erwerbsalter und für die Zeit vor und während der aktiven Familienzeit. Aus rechnerischen Gründen beschränkt sich das Modell auf Personen im Alter von 16 bis 45 Jahren.
Verschiedene Studien zeigen seit Jahren, dass Frauen im Durchschnitt über weniger Finanzwissen verfügen als Männer. Diese wissenschaftlichen Befunde spiegeln sich in den Erfahrungen mit Cash or Crash. In den vergangenen zwei Jahren hat das Tool über 100 000 Frauen und 25 000 Männer unter 45 Jahren in der Deutsch- und Westschweiz erreicht. Rund drei Viertel der Nutzenden sind Frauen, mehr als 60 Prozent haben Kinder. Also genau jene Gruppen, bei denen Weichenstellungen für die Altersvorsorge besonders relevant sind. Bemerkenswert ist zudem die sozioökonomische Breite: Rund 40 Prozent der Nutzenden stammen aus der Berufsbildung, das Medianeinkommen liegt leicht unter dem Schweizer Durchschnitt.
Eine unabhängige Evaluation durch die Berner Fachhochschule für Wirtschaft (Becker et al. 2025) bestätigt die Wirksamkeit des Tools. Jede fünfte Nutzerin erwägt nach der Nutzung eine konkrete Verhaltensänderung – etwa Erhöhung des Arbeitspensums, eine Weiterbildung oder ein Gespräch mit der Partnerin oder dem Partner über die Aufteilung von Erwerbs- und Betreuungsarbeit. Besonders stark nachgefragt sind die Themen Teilzeitarbeit, Kinder, Heirat und Vorsorge. Entscheidend ist dabei die Niederschwelligkeit. Cash or Crash verzichtet bewusst auf Fachjargon und arbeitet mit lebensnaher Sprache, anschaulichen Beispielen und Gamification-Elementen. Ergänzt wird das Online-Tool durch Workshops, Live-Events und eine breit angelegte Sensibilisierungskampagne, die über soziale Medien, Kooperationen und Multiplikatorinnen getragen wird. So entsteht ein Zugang zu Finanz- und Vorsorgethemen, der nicht belehrt, sondern befähigt.
Information allein reicht nicht aus, um den Gender Pension Gap vollständig zu schliessen. Strukturelle Faktoren wie hohe Kosten für Kinderbetreuung, fehlende paritätische Elternzeit oder bestehende Lohndiskriminierung setzen dem individuellen Handlungsspielraum Grenzen. Zudem stellt sich zunehmend die Frage nach der Verantwortung der Männer: Wie bewusst ist ihnen, dass ungleiche Erwerbs- und Betreuungsmodelle für ihre Partnerinnen ein langfristiges finanzielles Risiko bedeuten?
Die Evaluation von Cash or Crash zeigt auf, wo Weiterentwicklungen nötig sind. Nutzerinnen wünschen sich demnach konkretere Handlungsempfehlungen, Hinweise auf regionale Beratungsangebote und vertiefende Unterstützung über das Tool hinaus. Besonders junge Menschen unter 25 Jahren sollen künftig stärker erreicht werden, etwa über Schulen oder Laufbahnberatungen. In der nächsten Entwicklungsphase soll Cash or Crash deshalb gezielt ausgebaut werden mit zusätzlichen, regionalisierten Handlungstipps, neuen Modulen zur Berufswahl und erweiterten Funktionen für junge Eltern. Parallel dazu werden Kooperationen mit Verbänden, Schulen und Beratungsstellen vertieft und Beratungsangebote vor Ort sowie virtuell weiterentwickelt. Ziel sei eine langfristige Trägerschaft, die den nachhaltigen Betrieb und die kontinuierliche Weiterentwicklung des Tools sicherstellt.
Cash or Crash zeigt, welches Potenzial in früher, zielgerichteter Finanz- und Vorsorgeinformation liegen kann. Wenn Menschen verstehen, wie sich heutige Entscheidungen langfristig auswirken, treffen sie andere, oft ausgewogenere Entscheidungen. Die Kombination aus wissenschaftlicher Basis, digitaler Niederschwelligkeit und praxisnaher Ansprache macht das Tool zu einem wirksamen Instrument der Sensibilisierung. Derartige Online-Tools können strukturelle Ungleichheiten nicht allein beseitigen, aber einen wichtigen Beitrag leisten, um finanzielle Risiken sichtbar zu machen.
Vorurteile wirken sich auf alle Bereiche des Lebens aus. Engagieren wir uns aktiv für eine inklusivere Gesellschaft, tragen wir zu einer wertschätzenden und gerechten Arbeitskultur bei.
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