Der Raum arbeitet mit
Wer Leistung will, muss Arbeitsräume schaffen, die sich an menschliche Bedürfnisse anpassen. Die Architekturpsychologin Martina Guhl erklärt, welche Prinzipien dafür entscheidend sind.
Jenny Schäpper-Uster gehört zu den Pionierinnen der Schweizer Coworking-Bewegung. Sie betreibt seit 2013 den Coworking Space Bürolokal in Wil, ist Mitgründerin der Buchungsplattform Flesk und war mehrere Jahre Präsidentin des Verbands Coworking Switzerland. Der Coworking-Markt in der Schweiz entwickelte sich über gut zwanzig Jahre von einer Nische zu einem flächendeckenden Angebot. Als früher Referenzpunkt gilt die Eröffnung des Citizen Space in Zürich im Jahr 2007. 2013 existierten schweizweit erst rund zehn Coworking Spaces. Bis 2016 stieg die Zahl auf über 60 Standorte, 2018 waren es bereits knapp 200. Heute zählt die Schweiz über 500 Coworking Spaces.[1] Das Wachstum verlief dabei nicht linear, sondern ging mit einer zunehmenden Differenzierung der Angebote einher.
ist Unternehmerin im Coworking-Bereich, Betreiberin des Bürolokals in Wil und Mitgründerin der Buchungsplattform Flesk. Als langjährige Präsidentin des Verbands Coworking Switzerland prägte sie die Professionalisierung des Marktes entscheidend mit.
buerolokal.ch
Diese Entwicklung lässt sich nicht nur in Zahlen, sondern auch kulturell erklären. Jenny Schäpper-Uster unterscheidet drei Phasen: Die erste begann in der Schweiz Anfang der 2000er Jahre im Umfeld der frühen Digitalisierung. Coworking sei damals eine sehr pragmatische Lösung gewesen. «Es ging um WLAN», sagt sie. Programmierer arbeiteten in Cafés wie Starbucks, um Internetzugang zu haben und nicht isoliert zu sein. Die Nutzung war informell, wenig organisiert und stark technologiegetrieben.
In der Schweiz setzte Coworking ab etwa 2008 bis 2010 ein, zunächst ebenfalls ohne klares Geschäftsmodell. Räume wurden geteilt, weil Überkapazitäten vorhanden waren. Erst die zweite Phase, etwa zwischen 2010 und 2015, machte Coworking sichtbar und identitätsstiftend. Urban, kreativ und stark von Start-ups geprägt, wurde Coworking zu einem kulturellen Statement. Offene Flächen, Barista-Kaffee und bewusst informelle Arbeitsumgebungen prägten das Bild. Das durchschnittliche Nutzeralter lag gemäss Schäpper-Uster bei rund 30 Jahren. Jüngere nutzten Coworking kaum, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen.
Ab etwa 2015 begann sich dieses Bild spürbar zu verändern. Damals, bei der Mitgründung des Verbands Coworking Switzerland (coworking.ch), wurde Betreibern klar, dass Coworking ausserhalb der urbanen Zentren anders funktioniert als in der Start-up-geprägten Szene. «Wir haben schnell gemerkt, dass in der Peripherie das Durchschnittsalter deutlich höher liegt, eher ab 40», sagt sie. Der Nutzungsbedarf sei dort ein anderer gewesen. «Es ging weniger um Vernetzung oder Start-up-Themen, sondern um Vereinbarkeit.» Viele wollten bewusst nicht zu Hause arbeiten, gleichzeitig aber auch nicht mehr täglich pendeln. «Man wollte nahe arbeiten, in einer professionellen Umgebung, aber trotzdem ein normales Leben haben.» Entsprechend veränderte sich auch die Kultur der Spaces. «Das war überhaupt nicht hipsterhaft. Es gab keine tägliche Happy Hour, sondern man tauschte sich an der Kaffeemaschine am Morgen aus, ass zusammen Mittag und ging abends nach Hause, weil man Familie hatte.» Coworking wurde damit sachlicher, alltagsnäher und löste sich zunehmend vom Image einer urbanen Subkultur.
Laut Schäpper-Uster markierte die Pandemie keinen eigentlichen Wendepunkt, sondern beschleunigte eine Entwicklung, die bereits im Gang war. Viele Unternehmen hatten sich schon vor 2020 mit flexibleren Arbeitsformen beschäftigt, diese aber nur zögerlich umgesetzt. Die flächendeckende Homeoffice-Erfahrung machte flexible Arbeit für alle erfahrbar, zeigte jedoch auch ihre Grenzen. Coworking geriet während dieser Zeit zunächst in den Hintergrund, weil die Diskussion stark auf die Gegenüberstellung von Büro und Homeoffice fokussiert war. In der Folge setzten sich hybride Arbeitsmodelle durch, die Präsenzarbeit, Homeoffice und externe Arbeitsorte kombinieren. «Der Coworking Space ist heute eine Option im bunten Blumenstrauss von Arbeitsorten», sagt Schäpper-Uster. Coworking sei kein Entweder-oder, sondern eine Ergänzung. Dank Digitalisierung könne je nach Aufgabe entschieden werden, wo gearbeitet werde. Eine Woche sehe anders aus als die nächste.
Parallel zur kulturellen Reifung hat sich das Angebot stark ausdifferenziert. Community-orientierte Coworking Spaces richten sich an Selbständige, kleinere Unternehmen und projektbasierte Teams. Der Mehrwert entsteht hier vor allem über Austausch, Gastgeberrolle und soziale Nähe. Beispiele dafür sind Impact Hub, Citizen Space oder lokale Anbieter wie das Bürolokal in Wil.
Daneben haben sich im Rahmen von immobilienbasierten Geschäftsmodellen Coworking- und Flexible-Office-Anbieter etabliert, insbesondere in grossen Businesszentren wie Zürich und Genf. Anbieter wie Westhive, Office Lab oder Headsquarter bieten «Office as a Service» für ganze Teams oder Abteilungen, inklusive Infrastruktur, Services und Events. Coworking Spaces werden von grossen Unternehmen aus allen Branchen genutzt, die zentrale Lagen benötigen, ohne langfristige Mietverträge eingehen zu wollen.
Eine weitere Kategorie bilden hochwertige Premium-Coworking-Angebote wie der Wunderraum in Pfäffikon oder Satellite Office. Sie richten sich an erfahrene Führungskräfte, Verwaltungsräte und etablierte Unternehmerinnen und Unternehmer. Diskretion, hochwertige Ausstattung und persönliche Betreuung stehen hier im Vordergrund. Das Coworking wird zum professionellen Ankerpunkt ohne klassische Bürobindung.
Ergänzt wird der Markt durch regionale und thematische Coworking-Ökosysteme. Projekte wie der Hof zu Wil oder Mia Engiadina im Engadin verbinden Coworking mit Kultur, Gastronomie, Offsites und regionaler Vernetzung. «Das Ziel ist in diesen Beispielen nicht klassisches Pendler-Coworking, sondern Retreats und temporäre Arbeitsaufenthalte», sagt Schäpper-Uster. Entscheidend sei, dass man nicht isoliert im Hotel arbeite, sondern im Coworking Space mit Kontakt zu lokalen Akteuren.

Flesk ist eine Schweizer Softwareplattform, die Unternehmen und Coworking-Anbieter verbindet. Über ein Credit-System können Arbeitsplätze und Sitzungsräume an derzeit ca. 170 Standorten gebucht und nutzungsbasiert abgerechnet werden. Dies ermöglicht eine flexible Disposition der Arbeitsorte ohne langfristige Verpflichtungen bei transparenter Kostenkontrolle.
Weitere Informationen: flesk.ch
Coworking ist heute mehr als eine Alternative zum Büro. Es verbindet Flexibilität mit sozialer Einbettung und ermöglicht Arbeitsmodelle, die sich an Aufgaben, Lebensphasen und Teamstrukturen orientieren. Für HR-Verantwortliche eröffnet Coworking neue Spielräume zwischen Präsenz und Autonomie. Wie Jenny Schäpper-Uster es formuliert: «Die Menschen. Und die Kaffeemaschine. Dort entsteht der Austausch.» Coworking sei dort, «wo Herz dabei ist». Genau dieser soziale Mehrwert macht Coworking langfristig relevant.
[1] Quelle: «Coworking weiter auf dem Vormarsch», Auszug aus dem Immobilien-Monitoring des Real-Estate-Beraters wüstpartner (2023/2025).
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