Die Schweiz befindet sich laut Mitteilung des Arbeitgeberverbands in einer paradoxen Situation. Während viele Unternehmen händeringend nach Fachkräften suchen und die politische Debatte über die Steuerung der Zuwanderung die Agenda dominiert, leisten wir uns den Luxus einer inländischen Arbeitskraftreserve.
Diese Reserve sitzt nicht am Rand des Arbeitsmarkts, sondern mitten in den Betrieben: die Teilzeitarbeitenden. Dabei geht es nicht um jene, die aufgrund von Kinderbetreuung, Krankheit, mangelnden Stellenangeboten oder sonstigen persönlichen Verpflichtungen weniger arbeiten. Es geht um gut integrierte Arbeitskräfte, die ihr Potenzial nicht ausschöpfen – schlicht, weil kein Interesse daran besteht, Vollzeit zu arbeiten.
Über 50 sinkt das Interesse an einer Vollzeitstelle
In der öffentlichen Wahrnehmung wird dieses Phänomen der «Lifestyle-Teilzeit» oft der Generation Z zugeschrieben. Das Narrativ der «faulen Jungen», die lieber ihre Work-Life-Balance pflegen als Karriere zu machen, hält sich hartnäckig. Zu Unrecht, wie die Analyse des Arbeitgeberverbands basierend auf Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) zeigt.
Während in jungen Jahren Aus- und Weiterbildung der Hauptgrund für Teilzeitarbeit ist, verschiebt sich in den 30ern und 40ern der Hauptgrund zur Kinderbetreuung. Interessant werde es danach: Ab etwa 50 Jahren steigt der Anteil jener, die in der SAKE angeben, kein Interesse an einer Vollzeitstelle zu haben und deswegen Teilzeit arbeiten. In der Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen arbeitet fast jeder sechste Erwerbstätige aus diesem Grund Teilzeit. Sie könnten mehr arbeiten, wollen aber nicht.
Individuelle und gesamtwirtschaftliche Folgen
Wer weniger arbeitet, verzichtet auf Einkommen – heute und oft auch später in Form von tieferen Ansprüchen in der Altersvorsorge. Doch diese Entscheidung bleibt nicht privat. Über Steuern, Abgaben und damit verbunden Umverteilungseffekte hat diese Entscheidung Einfluss auf alle. Rechnet man die «fehlenden» Stunden bis zu einer Vollzeitstelle mit den jeweiligen Stundenlöhnen hoch, ergibt sich ein entgangenes Bruttolohnvolumen von rund 8 Mrd. Franken pro Jahr. Das entspricht knapp 1% des Bruttoinlandsprodukts.