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Sein oder Nichtsein für Seiltänzer und Sängerinnen

Dienstag, 16. März 2021 - Claudio Zemp
Die Plattform #seinodernichtsein soll Kulturschaffende dazu animieren, sich um ihre Vorsorge zu kümmern. Das Projekt der Schweizerischen Interpretenstiftung SIS setzt auf ­Ambassadors, die von den Kantonen bezahlt werden.

Kathrin Walde ist eine von derzeit acht Ambassadors, die das Projekt #seinodernichtsein von Anfang an unterstützen. Die 40-jährige Baslerin arbeitet als Produktionsleiterin von Tanz- und Theaterkompagnien. Sie kennt sich in der Vorsorge aus und das macht sie zu einer Schlüsselperson im Projekt. Walde betreibt den KulturHub in Basel, mit einer offenen Sprechstunde für Kulturschaffende. «Viele arbeiten in Projekten, auch von der Hand in den Mund, und es gibt zu wenige Leute, die ein Know-How im Finanziellen haben.» Die soziale Sicherheit ist für Walde quasi ein Seiltanz, den sie blind beherrscht. Jahresabschlüsse macht sie im Handumdrehen, sie hilft bei Vereinsgründungen und in der Coronakrise hat sie auch gelernt, wie Kurzarbeit funktioniert. Etwas, das es in der Kulturbranche zuvor kaum gab.

Damit ist Walde eine Ausnahme unter Menschen, die auf der Bühne Kunst betreiben. Deshalb wurde sie ausgewählt, um ihre Peers zu beraten. Sie ist begeistert, weil das Projekt einem echten Bedürfnis entspricht: «Kulturschaffende haben oft keinen Arbeitgeber, der sich um ihre Vorsorge kümmert. Deshalb ist es wichtig, dass sie sich ihr Arbeitsleben selbständig organisieren.» Die Idee des Projekts ist, dass die Beratenden eben keine Versicherungsagenten sind, sondern ebenfalls Kulturschaffende, die wissen, wie die Branche tickt.

Alle, die auf einer Bühne stehen

Initiiert und aufgebaut hat das Projekt der Vorsorgeplattform die Schweizerische Interpretenstiftung SIS. Aktuarin Lisa Gyger ist immer wieder mit der Problematik konfrontiert, dass Bühnenkünstler erst zu spät merken, dass ihre Vorsorge nicht ausreicht. Dazu kommt, dass es keine Generallösung für alle gibt. So sagt Gyger: «Die Arbeitsverhältnisse und die Art und Weise, wie Bühnenschaffende ihr Geld verdienen, sind dermassen vielfältig, dass dies unmöglich ist.» Es gibt unzählige Kombinationen von Teilzeitverhältnissen, freischaffenden Tätigkeiten und Selbständigkeit. Die SIS vertritt Theaterschaffende, Schauspieler und Musikerinnen, deren berufliche Situation typischerweise auch mehrmals pro Jahr wechselt. Zum Beispiel ist eine Schauspielerin für eine Saison an einem Theater angestellt, spielt im Sommer in einem Film und arbeitet daneben für ein Projekt, das sie selbst finanziert.

Dieser Projektbezug war schon immer eine Problematik für die Sozialversicherungen. Viele Freischaffende mit stets kurzen Engagements kommen zum Beispiel gar nie auf ein BVG-Obligatorium. Und wer selbständig ist, muss sich sowieso selbst um 2. oder 3. Säule kümmern. «Die Coronakrise hat die Situation verschärft», sagt Gyger.

Vorsorge-Check und niederschwellige Beratung

Die Vorsorgeplattform für Kulturschaffende #seinodernichtsein wird Mitte März in drei Landessprachen lanciert.

Auf der Website gibt es zum einen den Vorsorge-Check, mit dem man anhand von zwölf Multiple-Choice-Fragen die persönliche Situation der sozialen Sicherheit ermitteln kann. Je mehr dieses Tool gebraucht wird, desto informativer wird es. Fragen, mit denen die Plattform gefüttert wird, werden öffentlich beantwortet. So wächst mit der Zeit ein organisches Gehirn der sozialen Sicherheit, mit FAQ speziell für die Situation von Interpreten und Interpretinnen.

Das zweite Element des Projekts ist die Beratung durch Peers. Interpretinnen und Interpreten können sich an ausgewählte Ambassadors wenden, die sich in einem spezifischen Gebiet auskennen und selber Bühnenkulturschaffende sind. Je nach Wissensgebiet kann man Kolleginnen Fragen zu Mutterschaft, Risiken im Alter oder beruflicher Vorsorge stellen. Das Angebot ist kostenlos.

In einer Studie im Auftrag der SIS haben die Autorinnen Nicole Kaiser und Rahel Leupin die Grundlage für das Projekt erarbeitet. Finanziert wird die Vorsorgeplattform aus den Sozialabgaben der Interpretinnen und Interpreten selbst. Die Entschädigung für die Ambassadors wird von den Kantonen getragen. Die Pilotphase ist auf drei Jahre beschränkt.

Nützliche Links

www.seinodernichtsein.ch
Studie Soziale Sicherheit

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