Kolumne: Pflege als Geschäftsmodell

Mittwoch, 28. Januar 2026 - Beatrix Bock
Die Schweiz verlagert ihre Fürsorge auf ­Anbieter mit Business­plänen. Ein stiller Systemwechsel: von solidarischer Pflege zu Pflegeökonomie.

Private Spitex-Anbieter wachsen stark und verdrängen gemeinnützige Organisationen. Sie setzen vermehrt auf wenig qualifiziertes Personal. Pflegeheime bleiben dagegen fast ausgelastet und wirtschaftlich unter Druck.

Die Schweiz altert, und immer mehr private Spitex-­Anbieter wittern Geld. Dort, wo früher Nachbarschaftshilfe auf Rädern unterwegs war, rollen heute Firmenwagen mit Logo, Slogan – und Renditezielen. Die Spitex ist nicht mehr die fürsorgliche Tante, die klingelt und Tee kocht. Sie ist ein Boom-Sektor, der so rasant wächst wie kaum ein anderer im Gesundheitswesen.

2024 war ein Wendepunkt: Erstmals überholten in Zürich die gewinnorientierten Spitex-Unternehmen die gemeinnützigen Organisationen. Rund 130 neue private Anbieter kamen hinzu – ein Wachstum, wie man es sonst aus der Tech-Szene kennt. Wer Pflege braucht, landet zunehmend in Excel-Tabellen, nicht in einem Sozialkonzept.

Die privaten Anbieter setzen auf eine billige Ressource: Menschen ohne Pflegeaus­bildung. Tausende wurden 2024 neu eingestellt. Offiziell «Betreuungsgrundkurs», inoffiziell «Mach mal, du schaffst das schon». Und wer sind diese Leute? Häufig Angehörige, die früher gratis pflegten und nun per Vertrag eingebunden werden. Pflege als Familiendienstleistung, aber bitte ohne moralische Romantik – dafür mit Stundenabrechnung.

Während draussen die ambulante Pflege expandiert, sind die Heime am Anschlag. In einigen Westschweizer Kantonen liegt die Auslastung bei über 97%. Wer einen Platz sucht, braucht Geduld oder Beziehungen. Mehr Betten gibt es kaum, aber mehr Demenz, mehr Gebrechlichkeit, mehr Einsamkeit – und mehr Menschen, die im Wohnzimmer gepflegt werden, weil einfach kein Platz mehr ist.

Finanziell verläuft die Geschichte wie ein Lehrbuch über Marktlogik. Die Heime schreiben Verluste. Die Spitexorganisationen schreiben Gewinne – besonders die privaten. Sie erbringen wachsende Leistungen, und das Geld fliesst. Nicht unbedingt dorthin, wo Qualität garantiert ist, sondern dahin, wo Wachstum versprochen wird.

Man könnte sich fragen: Was bedeutet «Pflege», wenn sie zur Ware wird? Reicht es, dass jemand da ist? Oder braucht es Kompetenz, Erfahrung, Ethik? Die Antwort scheint klar, aber der Markt beantwortet sie anders. Solange die Rechnung aufgeht, gilt jede helfende Hand als Fachkraft.

Die Schweiz verlagert ihre Fürsorge auf Anbieter mit Business­plänen. Und wir tun so, als sei das bloss eine organisatorische Anpassung. In Wahrheit ist es ein stiller Systemwechsel: von solidarischer Pflege zu Pflegeökonomie.

Die Frage ist nicht mehr, wer gut pflegt. Sondern: wer es am günstigsten tut – und wer daran verdient.

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