Ob KMU oder nicht, es gilt also, die Frauen im Erwerbsleben zu halten. Wo liegt hier die Herausforderung?
Frauen, die den Arbeitsmarkt verlassen, kämpfen mit weitreichenden Konsequenzen. So führen Erwerbsunterbrüche und tiefe Pensen zu tiefen Renten. Durch Unterbrüche und Teilzeitarbeit wird es für Frauen auch schwierig, Führungspositionen zu erlangen. Diese werden meist zwischen 35 und 45 Jahren erreicht. Wer in diesem Alter nicht erwerbstätig ist, findet den Anschluss nicht leicht wieder. Das Schwierigste ist aber, die Stereotypen zu bekämpfen. Darunter die Annahme, dass der Mann nicht Teilzeit arbeiten kann und die Frau nicht Vollzeit, weil sie sonst nicht als gute Mutter gilt. Es braucht Zeit, solche Stereotypen zu verändern. Das geht aber nicht mit Gesetzen, sondern mit Dialog, Erziehung und Förderung. Diese Förderung ist Aufgabe der Unternehmen, der Schulen und des Staats.
Haben sich die Erwartungen der Mitarbeitenden an die Unternehmen verändert?
In den letzten 20 Jahren hat sich viel getan. Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist den jüngeren Generationen sehr wichtig. Die Haltung gegenüber der Arbeit hat sich verändert. Sie wollen zwar arbeiten, möchten das Leben aber auch geniessen.
Was heisst das für die Unternehmen?
Wir leben in einer Gesellschaft mit Fachkräftemangel, der uns auch in Zukunft beschäftigen wird. Um Mitarbeitende der jüngeren Generationen – X, Y, Z und Alpha – für ein Unternehmen zu gewinnen, braucht es mehr als einen guten Lohn. Damit diese Generation in einer Firma bleibt, braucht sie eine sinnstiftende Arbeit, flache Hierarchien, den Austausch mit den Kollegen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wenn die Arbeitnehmenden nicht zufrieden sind, verlassen sie die Firma schnell wieder.
Gibt es Massnahmen, die Sie den Unternehmen besonders ans Herz legen würden?
Immer wieder werden familienfreundliche Massnahmen zu Papier gebracht. Das war es dann. Es reicht aber nicht aus, wenn Angebote vorhanden sind, aber niemand diese kennt oder sich getraut, sie zu nutzen. Ich finde es daher wichtig, dass man familienfreundliche Massnahmen nicht einfach beschliesst, sondern die Mitarbeitenden aktiv bei der Vereinbarkeit des Berufs mit dem Familien- oder Privatleben unterstützt. Das bedeutet, dass man auf die Mitarbeitenden zugeht und sich für deren Bedürfnisse interessiert.
Wenn wir von «familienfreundlich» sprechen, denken wir meist an die Kinderbetreuung. Doch es gibt auch Menschen, die ihre Partner oder Eltern pflegen. Werden vom Family Score auch Massnahmen berücksichtigt, die in diesem Bereich der Care-Arbeit Unterstützung bieten?
Ja, auf jeden Fall. Die Arbeit von Menschen, die ihre Angehörigen betreuen, ist für unsere Gesellschaft enorm wertvoll! Häufig sind die betroffenen Arbeitnehmenden gezwungen, ihre Erwerbstätigkeit von Vollzeit- auf Teilzeitarbeit zu reduzieren. Einige Unternehmen und Verwaltungen haben bereits Massnahmen ergriffen, damit ihre Mitarbeitenden Beruf, Familie und die Pflege von Angehörigen besser unter einen Hut bringen können. Massnahmen, wie bezahlter Urlaub bei der Begleitung einer schwerkranken oder sterbenden Person, flexible Arbeitszeiten, vorübergehende Reduktion des Arbeitspensums (Teilzeitarbeit) oder Homeoffice können sehr hilfreich sein. In solchen Fällen müssen meist individuelle Lösungen gefunden und ausgehandelt werden.
Ausgezeichnet: Familienfreundliche Unternehmen