Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG (2025): Fairplay-Studie 2025 – So denkt die Schweiz über Altersvorsorge, Vorsorgelücken und Verantwortung. Zürich.
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Die Vorsorge droht zum Sorgenkind zu werden. Zwar sind Technik und Online-Tools vorhanden. Trotzdem fehlen Übersicht, Verständlichkeit und gemeinsame, systemübergreifende Koordination. Die Fairplay-Studie 2025 und das Vorsorge-Symposium vom Juni 2025 zeigen: Die Prinzipien des Drei-Säulen-Systems greifen nicht (mehr), wie sie sollten.
Von Nancy Wayland
Die Fairplay-Studie 2025 der ZĂĽrich Versicherung bringt es nĂĽchtern auf den Punkt: Nur 43 % der Befragten kennen den Begriff «Koordinationsabzug» – und nur ein Teil davon versteht auch seine Konsequenzen. Bei den Frauen geben gar nur 17 % an, sich gut ĂĽber ihre Altersvorsorge informiert zu fĂĽhlen. ÂEigenverantwortung? Ja, theoretisch. Praktisch fehlt es an allem, was sie möglich macht: Ăśbersicht, Verständlichkeit, Handlungsoptionen.
Diese strukturellen Lücken zeigen sich nicht nur als Zahlen in einer Studie – sie wurden auch beim diesjährigen Vorsorge-Symposium ganz konkret spürbar. Die von vps.epas – dem Herausgeber von Penso – organisierte Veranstaltung am 5. Juni stand unter dem Titel: «Die Versicherten und ihre Perspektiven – neue Bedürfnisse, neue Kommunikation, neue Geschäftsmodelle?» Sie bot damit einen idealen Rahmen, um genau diese Spannungsfelder sichtbar zu machen.
Im Rahmen der gemeinsam mit Hans-Jörg Scheitlin vom Verein BVG digital gestalteten Präsentation zum digitalen Vorsorgeausweis (digVA) stellte Michael Dritsas, Präsident des Verbands Digitalversicherung Schweiz (VDVS) und CEO von Vlot, die Frage: «Wissen Sie, wie hoch Ihre aktuelle VorsorgeÂlĂĽcke im Alter wäre?» In der Mentimeter-Umfrage gaben 23% der rund 100 Teilnehmenden an, keine LĂĽcken zu haben, 31% antworteten mit «Ja», 28% sagten «Ungefähr» und 19% «Nein».
Ein Moment der Ehrlichkeit – und ein Moment der Erkenntnis. Denn selten zeigt sich der innere Widerspruch eines Systems so deutlich wie hier: Die berufliche Vorsorge setzt auf Eigenverantwortung. Sie verlangt mündige Entscheidungen, langfristige Planung, finanzielle Kompetenz. Aber sie schafft die hierfür nötigen Voraussetzungen nicht.
Das wäre an sich schon bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist, wer gefragt wurde: Fachexperten. Menschen, die sich beruflich mit der 2. Säule befassen. Mit Produkten, Plattformen, Regulierung. Die Strategien entwerfen, Prozesse digitalisieren und Lösungen entwickeln. Und dennoch: Fast die Hälfte von ihnen kennt die eigene Vorsorgesituation nicht genau. Ein gutes Beispiel für die Sperrigkeit des Themas.
Die Fairplay-Studie zeigt zudem: Nur 24 % der unter 35-Jährigen fĂĽhlen sich ĂĽberhaupt zuständig fĂĽr ihre Altersvorsorge. Sie verorten die Verantwortung eher beim Arbeitgeber. Und gleichzeitig sind fast 60 % davon ĂĽberzeugt, dass die AHV fĂĽr ihre Generation nicht mehr in vollem Umfang tragfähig sein wird. Es herrscht also nicht GleichgĂĽltigkeit, sondern ein strukturelles GefĂĽhl der Ohnmacht. Die LĂĽcke zwischen Verantwortung und realer Gestaltungsmöglichkeit wächst – und mit ihr die Gefahr, dass das Schweizerische VorsorgeÂsystem an Vertrauen und Relevanz verliert.
Diese Wahrnehmung ist nicht auf die breite Bevölkerung beschränkt. Auch unter den Fachleuten am Vorsorge-Symposium zeigt sich ein ähnliches Bild: 86% der Teilnehmenden sind der Meinung, dass bestehende Vorsorgeportale nicht ausreichen. 84% wĂĽnschen sich mehr Self-Service-ÂAngebote, um Eigenverantwortung zu fördern. Und 52% finden: Ein ganzheitliches Vorsorge-Dashboard sollte vom Bund kommen.
Es herrscht also breite Einigkeit: Die Menschen brauchen eine systemübergreifende Übersicht über ihre berufliche Vorsorge. Und tatsächlich tut dies dringend not, wie die nachfolgenden Ergebnisse deutlich machen.
Laut Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS, 2023) beziehen nur rund 54 % der Frauen überhaupt eine Pensionskassenrente – gegenüber 74 % der Männer. Auch bei den Einkäufen zeigt sich eine tiefe Ausschöpfung: Gemäss Swisscanto-Studie 2024 tätigen lediglich 9 % der Versicherten regelmässig Einkäufe in ihre Pensionskasse.
Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG (2025): Fairplay-Studie 2025 – So denkt die Schweiz über Altersvorsorge, Vorsorgelücken und Verantwortung. Zürich.
In der Fairplay-Studie gaben 12% der Pensionierten an, dass sie freiwillige Einzahlungen in die Pensionskasse rückblickend als verpasste Chance betrachten. Das heisst konkret: Sie hätten gerne früher oder mehr in ihre Pensionskasse eingezahlt. Dazu passt auch, dass 30% der Pensionierten angeben, dass sie rückblickend zu wenig oder zu spät in die Säule 3a eingezahlt haben – das ist die am häufigsten bereute Entscheidung im Altersvorsorgebereich.
Was alle diese Ergebnisse verbindet: Nicht der Mangel an Eigenverantwortung, sondern auch der Mangel an Informationszugang. Die Möglichkeiten werden nicht ausgeschöpft – weil das System voraussetzt, was es nicht bereitstellt: Orientierung.
Stellen wir uns vor, es gäbe ein Dashboard, das auf einen Blick zeigt: alles im grünen Bereich oder eben auch nicht. Dem ich entnehmen kann, wo allenfalls Lücken bestehen und welche Handlungsmöglichkeiten ich habe – für meine gesamte berufliche Vorsorge (1., 2. und 3. Säule). Genau diese Art von Unterstützung fehlt und mit ihr die Chance, Eigenverantwortung wirksam werden zu lassen.
Es wäre sehr unfair, zu behaupten, die Branche tue nichts. Viele Vorsorgeeinrichtungen bieten heute bereits Tools an, die Rentenverläufe simulieren, Pensionskassenausweise digital bereitstellen oder Einkäufe online ermöglichen. Doch all das bleibt fragmentiert.
Die Schweiz verfügt über ein Drei-Säulen-System, das erst im Zusammenspiel die erwartete Sicherheit schafft. Wenn aber jede Säule isoliert optimiert wird, ohne gemeinsame Sicht, verliert das System als Ganzes seine Wirksamkeit.
Vor diesem Hintergrund ist es erfreulich, dass am Vorsorge-Symposium 2025 drei konkrete Lösungsansätze vorgestellt wurden.
Diese drei Pioniere zeigen, wie Orientierung geschaffen werden kann,
die Eigenverantwortung ermöglicht. Heute, nicht irgendwann. Die Frage, ob aus technischer Sicht Lösungen – z.B. auch unter Einbindung von ÂLegacy-Systemen – möglich sind, stellt sich damit nicht mehr.
Offen bleibt einzig die Frage, ob die involvierten Akteure die Dringlichkeit der Situation anerkennen und ihre Kräfte bĂĽndeln, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln, statt sich in ÂParallelprojekten zu verzetteln.
Drei Säulen – aber kein System