Gemeint ist die Untersuchung von Nesher Shoshan und Wehrt (2025), die eine während der Pandemie durchgeführte Experience-Sampling-Studie unter identischen Bedingungen nachstellte – diesmal jedoch in einem Nicht-Pandemie-Szenario. Die neue Studie zeigt, dass Video-Meetings nicht mit erhöhter Erschöpfung oder passiver Müdigkeit verbunden sind, sofern sie unter normalen Arbeitsbedingungen stattfinden. Video-Meetings unter 44 Minuten waren sogar weniger ermüdend als andere Meeting-Formen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Zoom-Fatigue während der Pandemie vor allem die ausserordentlich aufgeladene Situation der verordneten Homeoffice-Isolierung widerspiegelte, die heute so nicht mehr besteht.
Pro und contra Homeoffice
«Eine Gefahr von Homeoffice ist, dass Menschen weniger Pausen machen», sagt Meier. «Im Büro sind Pausen sozial eingebettet, zu Hause gehen sie eher vergessen.» Studien zu Microbreaks bestätigen, dass kurze Unterbrechungen die Regeneration verbessern und Energiedefizite ausgleichen. «Mikropausen von fünf Minuten pro Stunde können eine grosse Wirkung haben», unterstreicht Meier. Auch körperliche Bewegung spiele eine entscheidende Rolle, da im Homeoffice viele Wege wegfielen, und damit Chancen zur mentalen Kurzregeneration. Meier betont die Bedeutung sozialer Kontakte: «Zu Hause gibt es weniger soziale Kontakte und dadurch weniger Verbundenheit.» Tagebuchstudien zeigen, dass Einsamkeitsgefühle besonders bei hoher Homeoffice-Frequenz zunehmen. «Menschen, die fast nur zu Hause arbeiten, berichten häufiger von Einsamkeit.» Die Studienlage zeige, dass regelmässige, bewusst gestaltete soziale Interaktion der wichtigste Schutzfaktor gegen mentale Erschöpfung sei. Meier betont deshalb die Bedeutung verbindlicher Rückkehrregeln: «Am frustrierendsten ist es, wenn man ins Büro kommt und dort allein sitzt.» Die aktuelle Evidenz zeige: «Homeoffice hat keinen bedeutsamen Einfluss auf objektive Arbeitsleistung», so Meier. Entscheidend sei vielmehr das Zusammenspiel zwischen Aufgabenprofil, klar definierten Übergängen zwischen Arbeits- und Erholungsphasen und Energiezustand. «Die besten Ergebnisse liefern Modelle mit ungefähr zwei bis drei Tagen Homeoffice pro Woche.» Prof. Meier warnt jedoch vor Entgrenzung: «Wenn ich am Esstisch arbeite, verschwimmt die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben.» Diese Verwischung kann an der Energie zehren und die Erholung beeinträchtigen. «Organisationen können Abgrenzungsprobleme letztlich nicht durch technische Verbote wie E-Mail-Stopps lösen. Viel wichtiger ist eine klare Kommunikation auf Teamebene.» Er betont die Rolle der Führung: «Führungskräfte sollten beispielsweise transparent und explizit kommunizieren, dass Abend-E-Mails keine Erwartungshaltung darstellen.»
Boundary-Management und Balance-Crafting
Aktuelle Studien zu hybriden Arbeitsformen untersuchen, wie eng ein gesunder Energiehaushalt mit dem «Boundary-Management» – also der Abgrenzungsgestaltung – zusammenhängt. Diese Studien machen deutlich, dass weder Homeoffice noch flexible Arbeitszeiten an sich problematisch sind, sondern die damit verbundenen Anforderungen wie Unvorhersehbarkeit, erhöhte Erreichbarkeit oder fehlende Übergänge, also der Wegfall vieler natürlicher Wechsel zwischen Tätigkeiten wie des Arbeitswegs oder nur schon des Gangs vom Arbeitsplatz zum Drucker oder zur Kaffeemaschine im Pausenraum – verbunden mit den entsprechenden kurzen informellen sozialen Kontakten. Diese kleinen Übergänge und Begegnungen wirken normalerweise wie mentale «Reset-Phasen» und entlasten den Energiehaushalt. Wenn sie fehlen, springen Menschen häufig ohne Pause von einer Aufgabe zur nächsten, was die Erschöpfung verstärkt. Studien zu «Balance Crafting» – also den Techniken und Aktivitäten, mit denen Individuen ihre viel beschworene «Work-Life-Balance» gestalten – weisen darauf hin, dass Mitarbeitende durch bewusste Gestaltung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit ihr Wohlbefinden messbar verbessern können. Gleichzeitig betonen Forschungsarbeiten, dass klare Rahmenbedingungen und soziale Normen notwendig sind, um Entgrenzung zu verhindern. Doch auch Erwartungen an Präsenz müssen zur Aufgabe und zur Arbeitsweise des Teams passend gestaltet sein, damit Aufwand und Energieverbrauch nicht unnötig steigen.
Gesund arbeiten im eigenen Takt