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AppCheck: Coaching-Plattformen

Sonntag, 24. Januar 2021 - Karen Heidl
Coaching ist eine Dienstleistung, die von einer Vielzahl von Einzelunternehmern angeboten wird. Der Aufbau eines Coaching-Pools ist für HR-Abteilungen auf­wendig, wenn eine gewisse Nachhaltigkeit und eine Passung an verschiedene ­Situationen und Charaktere angestrebt wird. Deshalb sind findige Startups auf die Idee gekommen, Coaching im Plattformmodell anzubieten.

Was sind Merkmale einer Coaching-Plattform?

Eine Plattform zeichnet sich durch ein digitales Servicemodell aus, das verschiedene Module enthalten kann. Kunden können über die Plattform Dienstleistungen Dritter nutzen; Kommunikationstechnik, Marketing, Qualitätsmanagement und Bezahlung erfolgen über den Plattformbetreiber. Die Dienstleister, in diesem Fall die Coaches, sind nicht beim Plattformbetreiber angestellt, sondern nutzen nur dessen Infrastruktur und Vermittlungsdienstleistungen.

Im Unterschied zu Coaching-Netzwerken oder Coach-Datenbanken wird die geschäftliche Kundenbeziehung zwischen Plattformbetreiber und Kunde geschlossen, nicht zwischen Kunde und Coach direkt. Der Plattformbetreiber übernimmt in der Regel auf Basis des Kundenbriefings das Matching passender Coaches. Alle Coaches arbeiten zudem bei digital unterstützten Coachings in einer einheitlichen technischen Umgebung, die der Plattformbetreiber zur Verfügung stellt. Der Plattformbetreiber ist somit auch für den Datenschutz verantwortlich.

Welche Vorteile bieten Coaching-Plattformen?

HR-Abteilungen können auf einen bestehenden Coaching-Pool zugreifen und müssen diesen nicht selbst pflegen, was in grösseren Unternehmen mit vielfältigen Arbeitsbereichen durchaus anspruchsvoll werden kann. In der Regel kann bei mangelnder Passung der Wechsel des Coaches aufgrund des bestehenden Pools und der bereits erfolgten Kundenbedarfsanalyse zügig erfolgen. Normalerweise bieten die Plattformen ausgereifte Systeme, die das digitale Coaching auch in Gruppen unterstützen, also verschiedene interaktive Tools, virtuelle Räume, Hausaufgaben-Funktionen etc. Über Evaluationsroutinen wird die Kundenzufriedenheit systematisch erfasst und dem Coach als Feedback übermittelt. Neben dem technischen Komfort, der häufig den Tools einzeln operierender Coaches überlegen ist, bietet das digitale Coaching generell Vorteile wie Ortsunabhängigkeit und damit auch mehr Planungsflexibilität. Mitarbeitenden kann über Plattformen eine kontinuierliche Begleitung bei Fragen der beruflichen Weiterentwicklung, in Konfliktsituationen oder bei sonstigem Coaching-Bedarf angeboten werden, ohne dass die HR-Abteilung in jedem Fall involviert werden muss. Plattformen bieten ihren Unternehmenskunden sowohl Arbeitserleichterungen als auch Serviceflexibilität.

Für Coaches eröffnen Plattformen neue Formen der Kundengewinnung. Die Qualität des Beziehungsaufbaus zwischen dem Coachee und dem Coach leidet nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht unter dem Remote Setting. Dennoch ist es möglich, dass die Beziehung zum Unternehmer als Auftraggeber nicht so intensiviert werden kann wie in einem direkten Auftragsverhältnis. Dies ist jedoch derzeit Gegenstand erster Forschungen.

Welche Plattformen gibt es?

Die Anbieter sind alle noch recht jung. Manche kommen aus dem traditionellen Beratungsgeschäft, einige sind Startups mit einem stärkeren Fokus auf die technische Plattform. Eines der am besten finanzierten Startups ist das 2013 gegründete US-amerikanische Unternehmen Betterup, das schnell wächst und heute ca. 900 Angestellte hat. Allerdings ist es auf den amerikanischen Markt fokussiert. Auch im deutschsprachigen Raum haben sich Coaching-Plattform-Anbieter etabliert. Das derzeit grösste Startup ist CoachHub aus Berlin; das Unternehmen möchte es im Jahr 2021 dank jüngst erfolgter Finanzierungsspritze auf 350 Mitarbeitende (von derzeit ca. 180) bringen. Weitere Anbieter sind Bettercoach, Evelop_me (Tochterunternehmen von Kienbaum), Haufe Coaching (Unternehmen der Haufe Advisory), Sharpist und 7Fields (Ausgründung des Coaching Center Berlin). In der Schweiz sind die Migros-Klubschule (noch in einer Testphase) als Endkunden-orientierter Anbieter und die Plattform My24Coach mit einem digitalen Coaching-Angebot für Unternehmenskunden am Start.

Wodurch unterscheiden sich Plattformen?

Die Plattformen betreiben zum Teil unterschiedliche Angebotsmix-Modelle mit den Komponenten Weiterbildung, Lebenshilfe, spezialisierte Interventionen und Unternehmensberatung. Die Hauptthemen beziehen sich jedoch recht ähnlich auf die Bereiche Führungskräfteentwicklung, Teamentwicklung und konkrete Problemsituationen. Unterschiede bestehen auch im Mischungsverhältnis von Präsenz- und Digitalcoaching. Haufe Coaching und Bettercoach nutzen digitale Möglichkeiten vor allem im admini­strativen Bereich, während die Coachings selbst zum Teil «face to face» statt­finden, wohingegen 7Fields die digitalen Möglichkeiten stärker ausschöpft.

Hinsichtlich der Durchführung der Coachings gibt es unterschiedliche Personalisierungsgrade. Einige Anbieter empfehlen standardisierte Vorgehensweisen, während andere individuelle Vereinbarungen treffen oder die Absprachen dazu dem Coach überlassen. So ergeben sich auch Unterschiede in der zeitlichen Planung eines Coaching-Prozesses. Bei Sharpist umfasst ein regulärer Prozess 3 Stunden (6 x 30 Minuten in zweiwöchigem Abstand), während Evelop_me auf sechs Sessions zu je 60 Minuten setzt. Eine hohe, intensive Kontaktfrequenz zwischen Coach und Klienten sieht man bei My24Coach als wichtiges Funktionsmerkmal digitaler Coachings.

Beim Matchen des Coaches mit dem Klienten arbeiten die Plattformen mit jeweils eigenen Ansätzen. Bettercoach überlässt die Auswahl standardmässig dem Kunden. Andere Plattformen führen zunächst Gespräche mit allen Stakeholdern, also Coachees, HR-Verantwortlichen, Vorgesetzten. Zur Ersterfassung der Kundenwünsche werden von den meisten Plattformen Tools eingesetzt, die aus dem jeweiligen Pool mögliche Coaches herausfiltern.

Die Grösse der Coach-Pools variiert teilweise erheblich. My24Coach hat nur eine kleine Anzahl von Coaches im Portfolio, was Fragen nach der Auslastung dieses Pools aufwerfen kann – ein Problem, das sich vor der Corona-Pandemie möglicherweise noch gar nicht stellte. Die grösseren deutschsprachigen Plattformen bieten eine Auswahl ­zwischen mehreren hundert Coaches.

Wie wird die Qualität kontrolliert?

Alle Plattformanbieter führen Evaluationen durch, um sowohl dem Coach als auch den Stakeholdern auf Kundenseite Feedback zu geben – unter Berücksichtigung aller datenschutz- und arbeitsrechtlicher Bedingungen.

Bei der Rekrutierung neuer Coaches sind Coaching-Ausbildung und Erfahrungen als Coach für alle Plattformen unabdingbar, weshalb sich Coaches bei den Plattformanbietern bewerben müssen. Einige Plattformanbieter führen Coaching-Simulationen durch.

Aufgrund der regelmässigen Erhebungen und des Kundenfeedbacks lässt sich die Qualität der Coaching-Leistungen gut kontrollieren. Dabei soll unterstützend vermehrt künstliche Intelligenz eingesetzt werden, um Anhaltspunkte für Beziehungsqualität, Zielerreichung oder andere Qualitätsmerkmale zu erfassen. Solche Möglichkeiten, die noch am Anfang stehen, würden in Zukunft Rückschlüsse auf die Erfolgsquoten der Coachings zulassen und einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess gewährleisten.

Forschungsprojekt zu Coaching-Plattformen mit ersten Ergebnissen unter der Leitung von Jörg Middendorf und Michaela Ritter, BCO Köln, Deutschland

Literaturempfehlung

The Digital Coach

Von Stella Kanatouri

Auf Basis einer umfassenden, explora­tiven Forschung untersucht das Buch die Erfahrungen von Praktikern mit ­digitalem Coaching. Viele Beispiele machen das Buch zu einem besonderen Erfahrungsschatz.

In englischer Sprache
Taylor and Francis, 2020
ISBN 978-0-367-07772-3
Als E-Book, Taschenbuch und Hard­cover erhältlich

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