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Gesundheit ist subjektiv

Donnerstag, 15. Juli 2021 - Karen Heidl
Was ist psychosoziale Gesundheit und wie kann man sie fördern? Mit diesen Fragen beschäftigten sich zwei Vorträge am 1. Tag der psychosozialen Gesundheit.

Körperliches und psychisches Wohlbefinden, soziale und an­dere Umweltfaktoren befinden sich in einer Wechselwirkung, mit der sich Andreas Dörner, Leiter Psychologische Dienste St. Claraspital Basel beschäftigte. Auf die Frage, wie dabei Ri­sikofaktoren minimiert und Schutzmechanismen gestärkt werden können, ging Prof. Dr. med. Rainer Schäfert, Chefarzt der Klinik für Psychosomatik am Universitätsspital Basel, ein.

Was ist psychosoziale Gesundheit?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierte bereits 1948 Gesundheit als einen «Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens», der in dieser Definition gleichzeitig als Grundrecht jedes Menschen deklariert wird. In den 1990er Jahren, führte Andreas Dörner aus, sei diese Defini­tion um die spirituelle Dimension ergänzt worden: Man spricht seitdem von bio-psycho-sozial-existenzieller Gesundheit.

Soziale Lebensbedingungen, so Dörner, geben den Rahmen für Gesundheit vor, die vom individuellen Lebensstil geprägt sei, also von der Einstellung zum Körper, der psychischen Ver­fassung, dem Verhältnis zur Umwelt. Gesundheit unterliege subjektiver Bewertung und könne nicht objektiv definiert werden.

Belastungen und körperliche Beschwerden

Mit Forschungen im Bereich der Psychoneuroimmuno­logie konnte man nach­weisen, dass sich Ge­fühle auf das Hormon­system, den Stoffwechsel und das Immunsystem auswirken. Dabei handle es sich zum Beispiel um Mechanismen, mit denen Schutzreflexe ausgelöst werden sollen – wie etwa bei kurzfristigem Stress in einer Gefahrensituation. Langfristiger Stress dagegen sorge aufgrund der Kortisonausschüttung in der Folge für u.a. für Bluthochdruck, eine Schwächung der Muskulatur und des Im­munsystems sowie für Irritationen des Verdauungssystems.

Wie Menschen Gesundheit oder Krankheit wahrnehmen, hänge davon ab, welche Lebenserfahrung sie gemacht haben und mit welchen erlernten Strategien sie Belastungen ver­arbeiten. Dörner führte zum Verständnis dieses Zusammen­hangs den Begriff des Kohärenzgefühls ein, das auf drei Kom­ponenten basiere:

  • Verstehbarkeit: Fähigkeit, Informationen zu verstehen, zu strukturieren und die Welt als vorhersehbar und verstehbar zu erleben.
  • Bedeutsamkeit bzw. der Sinn: Bewusstsein, was einem selbst im Leben wichtig ist und Sinn gibt.
  • Kompetenz, mit Anforderungen des Lebens umzugehen – sei es mit eigenen Ressourcen oder mit Hilfe anderer.

Menschen unterscheiden sich in den Fähigkeiten und Möglichkeiten, mit belastenden Situationen zurecht­zukommen. Diejenigen mit aus­geprägteren Fähigkeiten wer­den als resilient bezeich­net. Resilienz sei erlern­bar, führte Dörner weiter aus und verwies auf das Resilienzrad (siehe Abbildung).

Das Modell des Resilienzrads zeigt einan­der ergänzende Kompetenzen wie Lösungsorientie­rung, Achtsamkeit, optimistische Grundhaltung, die man über Einübung neuer Verhaltensweisen positiv beeinflussen kann. Beispielsweise seien im Sinne des bio-psycho-sozial-existenziellen Gesundheitsmodells Na­turerfahrungen oder das Engagement für eine sinnstif­tende Sache letztlich auch für den Erhalt der Gesund­heit wichtige Aktivitäten.

Ein gutes Kohärenzgefühl drücke sich in Wohlbefinden, Gelassenheit und der Sicherheit aus, im Leben zu­rechtzukommen und selbstwirksam zu sein. In dieser Balance vieler Einflussfaktoren spielten gesunde Er­nährung und Bewegung mit ihren positiven Auswirkun­gen auf den Organismus bis auf die zelluläre Ebene ebenfalls wichtige Rollen.

Psychosoziale Gesundheit fördern

Rainer Schäfert zeigte anhand einer Studie (Schuler et al. Obsan 2020), dass Schutzfaktoren, also das Kohä­renzgefühl stärkende Faktoren, Risikofaktoren ausglei­chen können, was die Wahrscheinlichkeit senke, psy­chisch zu erkranken. Stress könne viele Ursachen ha­ben, und zwar innere und äussere. Nach dem Konzept von Kaluza (2018) seien verbreitete Stressoren im Äus­seren zu viel Arbeit, hohe Leistungsanforderungen, Zeitdruck, Unterbrechungen oder soziale Konflikte. Persönliche, innere Stressverstärker seien häufig Un­geduld, Perfektionismus, Selbstverleugnung (weil man beliebt sein will), Einzelkämpfertum, Kontrollstreben und Selbstüberforderung.

Um mentale Stresskompetenz zu entwickeln, sei es wichtig, die eigenen Schwächen anzunehmen und da­rüber sprechen zu lernen. Förderlich zur Entschärfung von Perfektionismus sei die Einstellung «ich bin gut genug», zum Umgang mit Ungeduld das Erforschen des eigenen Rhythmus, statt Selbstverleugnung sich selbst anzunehmen. Gegen Einzelkämpfertum helfe, sich mit anderen zu verbinden, bei Selbstüberforde­rung gehe es darum, es sich einfacher zu machen, bei hohem Kontrollstreben darum, vertrauen zu dür­fen. In diesem Bewusstwerdungsprozess können sich den Betroffenen die eigenen Kraftquellen erschlies­sen, zu denen Familie und Freunde, Bewegung, Schlaf, eine gesunde Ernährung, Naturerfahrungen, kreative Tätigkeiten, Spiritualität, Meditation und vieles mehr gehören.

Lesen Sie zu diesem Thema auch unsere Fokus über psychisch belastete Mitarbeitende.

Quelle: Die Ausführungen basieren auf den Referaten anlässlich des 1. Tages der psychosozialen Gesundheit am 20. Mai 2021, veranstaltet vom SomPsyNet.

Information und Beratung im Internet

Ein niedrigschwelliges Angebot zur Reflexion der eigenen Gefühlslage ist die Kampagne «Wie geht es Dir?». Die App steht für das iPhone und Android-Smartphones zur Verfügung.

Tipps für Arbeitgeber und Führungskräfte im Umgang mit psychisch belasteten Mitarbeitenden.

Beratungsstellen und Ansprechpersonen können über die Website von Pro Mente Sana recherchiert werden.

Stresskompetenztrainings werden von verschiedenen spezialisierten Coaches und Weiterbildungsunternehmen angeboten.

Was ist SomPsyNet?

SomPsyNet ist ein Basler Projekt zur Prävention in der Gesund­heitsversorgung. Das Gesundheitsdepartement Basel-Stadt und das Universitätsspital Basel setzten SomPsyNet gemeinsam mit dem Bethesda Spital, der Universitären Altersmedizin Felix Plat­ter, dem St. Claraspital und rund 20 weiteren Partnern um. Ziel ist, für Patientinnen und Patienten aus somatischen Spitälern zur Prävention psychosozialer Belastungsfolgen ein Versorgungs­netzwerk aufzubauen. Das Projekt läuft seit 2019 und vorerst bis 2023. Es wird hauptsächlich von der Stiftung Gesundheitsförde­rung Schweiz und den Projektträgern finanziert.

In diesem Modell sollen psychosoziale Belastungen im Alltag von Patientinnen und Patienten mit einem körperlichen Leiden durch Befragung frühzeitig erkannt werden. Wenn die Betroffe­nen eine Beratung wünschen, werden weitere Behandlungs­schritte abgeklärt.

Eine Online-Plattform vermittelt Unterstützungsmöglichkeiten für Patientinnen und Patienten selbst, für Angehörige, Hausärz­tinnen und Hausärzte oder andere Koordinationspersonen.

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