Was schätzen Sie besonders an der neuen Aufgabe, und was ist die grösste Herausforderung?
Die Arbeit ist sinnhaft, weil sie einen direkten Bezug zu den Menschen und einen unmittelbaren Impact hat. Das schätze ich sehr. Arbeit spielt in der Schweiz eine wichtige Rolle; viele Menschen definieren sich über ihren Beruf. Es ist ein Privileg, in diesem Bereich tätig zu sein. Die Herausforderung besteht darin, die verschiedenen Stakeholder einzubeziehen und einen breit abgestützten Konsens zu erreichen. Das erfordert Zeit und Vertrauen. Man muss zuhören, vermitteln und verlässlich sein. Im persönlichen Austausch gilt es, unterschiedliche Interessen auszubalancieren und gemeinsame Lösungen zu finden.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Arbeitslosigkeit in der Schweiz?
Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote liegt bei rund 3 Prozent – leicht erhöht, aber nicht dramatisch. Die Ausgaben sind etwas gestiegen, doch es bestehen Puffer. Während der Finanzkrise lag die Quote höher (4 bis 4.4 Prozent), der langfristige Durchschnitt beträgt 2.8 Prozent. Mittelfristig erwarten wir eine Stabilisierung bei rund 3 Prozent, wobei eine Eskalation im Nahen Osten diese Entwicklung beeinträchtigen könnte. Zwischen Regionen und Branchen gibt es Unterschiede. Exportorientierte Bereiche wie die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) und die Uhrenindustrie stehen wegen Zolltarifen, schwächerer Nachfrage aus China und des starken Frankens unter Druck. In industriestarken Regionen wie dem Jura oder Neuenburg ist die Arbeitslosigkeit entsprechend höher.
Wie wird sich der Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren entwickeln?
Die Pensionierungswelle der Babyboomer wird den Fachkräftemangel verstärken. Die Wertschöpfungsketten verändern sich. Unternehmen werden Absatzmärkte und Produktionsstandorte stärker diversifizieren. Ganze Berufe verschwinden durch Digitalisierung und KI nicht, aber sie verändern sich. KI kann komplexe Aufgaben übernehmen, so dass Menschen mehr Zeit für Tätigkeiten haben, die Maschinen nicht ersetzen können, wie persönliche Gespräche und Verhandlungen. Bei diplomatischen Verhandlungen zum Beispiel bleibt der Mensch als Dolmetscher unverzichtbar. Es reicht nicht, den Text wörtlich durch KI zu übersetzen, man muss auch Körpersprache, Tonfall und Stimmung berücksichtigen.
Wie entwickeln sich zurzeit die Kurzarbeitsentschädigungen?
Rund 85 Prozent der Anträge stammen aus der MEM- und der Uhrenindustrie. Kurzarbeit ist ein kurzfristiges Instrument, um konjunkturelle Dellen abzufedern. Daneben bestehen strukturelle Herausforderungen wie der starke Franken oder der Wandel der Automobilindustrie hin zur Elektromobilität. Betroffene Unternehmen müssen ihre Strategien anpassen, neue Märkte erschliessen und Produkte weiterentwickeln.
In welchen Branchen und Berufen herrscht der grösste Fachkräftemangel? Wie kann man ihm begegnen?
Besonders ausgeprägt ist der Mangel im Gesundheitswesen, auch aufgrund der Alterung der Bevölkerung. Dazu kommen Ingenieurberufe und je nach Konjunktur auch Berufe wie Poliere im Baugewerbe. Die Pensionierungswelle der Babyboomer betrifft jedoch viele Branchen. Eine einzige Lösung gibt es nicht. Arbeitgeber müssen aktiv werden und passende Massnahmen für ihr Unternehmen finden: Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Investitionen in Ausbildung von Lehrlingen und Weiterbildung, attraktivere Arbeitsbedingungen. KI und Automatisierung können zusätzlich helfen, den Mangel abzufedern.
Was braucht es, damit ältere Arbeitnehmende länger im Arbeitsmarkt bleiben und leichter eine neue Stelle finden?
Arbeitnehmende sollten fit, gesund und fachlich à jour bleiben. Weiterbildung, auch on the job, spielt eine zentrale Rolle. Auch ältere Personen sollten neue Projekte annehmen und Neues lernen, der Arbeitgeber kann sie dabei unterstützen. Flexible Arbeitsmodelle wie Bogenkarrieren helfen, länger im Beruf zu bleiben. Ein längerer Kündigungsschutz würde zwar bestehende Arbeitsplätze sichern, könnte aber Neueinstellungen erschweren, da Unternehmen dann jüngere Bewerbende bevorzugen könnten. Jede Person trägt Verantwortung, ihre eigene Marktfähigkeit zu erhalten. Sprachkenntnisse sind wichtig, aber auch IT-Kompetenzen. Man sollte keine Berührungsängste haben und KI auch privat ausprobieren. Wer sich 30 Jahre lang nicht weitergebildet hat, kann nicht erwarten, dass die Arbeitslosenkasse diese Lücke vollständig schliesst.
Welche Lehren ziehen Sie aus den technischen Problemen mit dem neuen Auszahlungssystem ASAL 2.0? Gibt es Massnahmen, um Betroffene zu unterstützen?
Der Wechsel von einem System aus den 1980er Jahren auf eine SAP-Lösung ist ein Quantensprung. Gewisse Kinderkrankheiten hatten wir erwartet, aber nicht in diesem Ausmass. Kommunikation ist entscheidend. Regelmässige Meetings helfen, das Wissen zwischen Arbeitslosenkassen und Seco abzugleichen und Perspektiven aufzuzeigen. Das System ist seit Februar stabil und wird laufend schneller. Für betroffene neue Arbeitslose gibt es wie bereits bisher rechtlich erlaubte Vorschüsse, um finanziellen Druck zu mindern, auch wenn dies den Aufwand für die Kassen erhöht. Die Arbeitslosenkassen können selbst entscheiden, ob und in welchem Umfang sie zusätzliches Personal einstellen; dies hängt auch von der Entwicklung der Arbeitslosenquote ab. Die Einarbeitung neuer Mitarbeitender dauert 12 bis 18 Monate.
Wo sehen Sie in der Arbeitslosenversicherung den grössten Reformbedarf?
Bei der Digitalisierung und der Vereinfachung. Die Abklärung eines Neuanspruchs dauert im Schnitt sechs Wochen, die Arbeitslosen müssen viele Dokumente einreichen. Digitalisierung bietet Potenzial, diese Prozesse zu beschleunigen. KI könnte künftig auch das Matching zwischen offenen Stellen und Arbeitslosen erleichtern. Ein Problem liegt in der Komplexität des Gesetzes: Je nachdem, ob jemand selbst gekündigt hat oder entlassen wurde, ob Kinder vorhanden sind oder Zwischenverdienst besteht, gelten unterschiedliche Regeln. Bei der Anmeldung müssen rund 32 Fragen beantwortet werden, monatlich weitere 13. Die Lösungen für Sonderfälle sind gut gemeint, machen die Umsetzung aber langwierig und komplex. Es gibt ein französisches Sprichwort: L’enfer est pavé de bonnes intentions – der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.