Das zeigt der neuste Bericht des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zu den Auswirkungen der Personenfreizügigkeit auf Arbeitsmarkt und Sozialleistungen. Besonders im Abstimmungskampf zur «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative war das Thema heiss diskutiert worden. «Wir wollen Fakten und Zahlen liefern», sagte Staatssekretärin Helene Budliger Artieda vor den Medien.
Diese Fakten zeigten, dass die Schweizer Wirtschaft ausländische Arbeitskräfte brauche - seien es Ärzte und Pflegepersonal, Pharmaforscher und IT-Spezialisten oder Saisonarbeitskräfte für das Bau- und Gastgewerbe. «Die Personenfreizügigkeit ist wichtig für Unternehmen, um ihre Arbeitskräftenachfrage decken zu können.» Budliger Artieda strich die hohe Erwerbsquote von EU- und Efta-Staatsangehörigen in der Schweiz hervor. «Die Menschen wandern meist schon mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche ein.» Die Sozialhilfe- und Arbeitslosenquote dieser Personengruppe sei tief.
Laut der Seco-Chefin gibt es auch Herausforderungen durch die steigende Zuwanderung. So gelte es, das Potenzial an inländischen Arbeitskräften noch besser auszunutzen. Zudem müssten die Arbeitsvermittlungsstellen (RAV) näher an den Privatsektor in ihren Regionen rücken. Auch der Lohndruck müsse im Auge behalten werden, sei aber auch im Tessin «nicht alarmierend».
Zuwanderung gut für die Sozialwerke
Gemäss dem Bericht wanderten 2025 insgesamt weniger EU- und Efta-Angehörige in die Schweiz ein als in den vorangehenden drei Jahren, jedoch weiterhin mehr als im Durchschnitt mehrerer Jahre. «Die Zuwanderung passt sich dem Konjunkturzyklus an», sagte Jérôme Cosandey, Leiter der Direktion für Arbeit im Seco.
Gross war die Nachfrage nach ausländischen Arbeitskräften in den vergangenen Jahren in den wissensintensiven Dienstleistungen und im Gesundheitswesen. Starken Gebrauch von der Rekrutierung im EU/Efta-Raum machten gemäss dem Bericht jedoch auch das Gastgewerbe, der Bau und die Industrie.
19% der Arbeitskräfte in der Schweiz kämen aus dem EU- und Efta-Raum, weitere 8% seien Grenzgängerinnen und Grenzgänger. Insgesamt sind 35% aller Angestellten in der Schweiz ausländische Arbeitskräfte. In der Chemie- und Pharmabranche machen sie sogar die Mehrheit aus.
«‹Made in Switzerland› geht nur dank ausländischer Arbeitskräfte», sagte Cosandey. Die Zuwanderung wirke der demografischen Alterung entgegen und mildere die damit verbundene Herausforderung, das Wohlstandsniveau für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. Gemäss dem Bericht leisten zudem EU/Efta-Staatsangehörige anteilsmässig deutlich mehr an Beiträgen an AHV und IV, als sie an Leistungen in Form von IV- oder AHV-Renten beziehen. Aufgrund ihres erhöhten Arbeitslosenrisikos leisten sie hingegen weniger an Beiträgen an die Arbeitslosenversicherung, als sie an Arbeitslosenentschädigung beziehen.
Sozialpartner mit unterschiedlichem Fokus
Auch die Sozialpartner schauen insgesamt positiv auf die Zuwanderung im Rahmen der Personenfreizügigkeit. «ie ist für den Arbeitsmarkt elementar und hilft, offene Stellen zu besetzen sowie Engpässe zu entschärfen», sagte Roland Müller, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands (SAV). Seit Einführung der Personenfreizügigkeit sei die Schweiz im Durchschnitt wohlhabender geworden. Die Löhne seien gestiegen.
Trotzdem müssten Politik und Wirtschaft die in der Bevölkerung geäusserte Skepsis ernst nehmen, so Müller. Die hohe Zuwanderung bringe neben vielen Vorteilen auch Herausforderungen mit sich: auf dem Wohnungsmarkt, bei der Infrastruktur, im Verkehr und in den Schulen. «Wenn die Schweiz weniger Zuwanderung und gleichzeitig den gleichen
Wohnstand will, muss sie das inländische Arbeitskräftepotenzial besser ausschöpfen», gab Müller zu bedenken. Dazu gehöre eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Grosses Potenzial gebe es auch bei älteren Arbeitnehmenden. Langfristig müsse ein höheres Rentenalter auf den Tisch kommen.
David Gallusser, Zentralsekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB), widersprach: Angesetzt werden müsse stattdessen beim Lohnschutz. Bei fast einem Drittel der Kontrollen würden die Mindestlöhne nicht eingehalten. In zahlreichen Berufen würden Löhne bezahlt, von denen man in der Schweiz nicht oder kaum leben könne. «Berufe im Detailhandel, im Gastgewerbe, in Coiffeursalons oder in Bäckereien müssen dringend aufgewertet werden.»
Statt das Rentenalter zu erhöhen, muss laut Gallusser die Lage der älteren Arbeitnehmenden verbessert werden. Ältere Arbeitslose müssten beispielsweise besser bei der Stellensuche unterstützt werden. (sda)