Zwischen Selbstverwirklichung und Vorsorgelücke

Donnerstag, 04. Juni 2026 - Oliver Bieri
Die Generation Z gewichtet Selbstbestimmung und unmittelbare Lebensqualität hoch, sieht sich jedoch zugleich mit steigenden Lebenshaltungskosten und nichtlinearen Erwerbsverläufen konfrontiert. Zudem wächst die Skepsis gegenüber dem Vorsorgesystem. Daraus entsteht ein Spannungsfeld zwischen kurzfristigen Prioritäten und langfristiger finanzieller Absicherung.

Die Generation Z tritt in eine Arbeitswelt ein, die so volatil, komplex und widersprüchlich ist wie selten zuvor. Einerseits verfolgt sie Werte wie Selbstbestimmung, Sinnorientierung und eine ausgewogene Work-Life-Balance und prägt damit neue Normen von Arbeit und Lebensführung. Andererseits sieht sie sich mit ökonomischen Rahmenbedingungen konfrontiert, die ihre langfristige finanzielle Sicherheit unter Druck setzen.

Steigende Lebenshaltungskosten, geprägt durch hohe Mieten und stark belastende Krankenkassenprämien, begrenzte finanzielle Spielräume sowie Unsicherheiten über die Stabilität des Rentensystems bestimmen das Umfeld vieler junger Erwachsener. Für diejenigen, die Wohneigentum überhaupt noch als erstrebenswert betrachten, rückt der Traum vom Eigenheim in weite Ferne. Gleichzeitig dürfen sich viele auf eine steigende Lebenserwartung einstellen und damit auf deutlich mehr Jahre im Ruhestand, die finanziert werden wollen.

Lohn, Boni und Ferien wichtiger als Sparen für das Alter?

Bei der Wahl des Arbeitgebers setzt ein grosser Teil der Generation Z stärker auf unmittelbare Vorteile als auf langfristige Vorsorgeleistungen. Ein attraktiver Lohn, transparente Bonusmodelle und genügend Ferienwochen gelten als zentrale Faktoren, um Beruf und Privatleben flexibel gestalten zu können.

Die Pensionskasse bleibt grundsätzlich relevant, wird jedoch häufig als weniger entscheidend wahrgenommen, da ihre Wirkung erst in ferner Zukunft spürbar ist. Entsprechend fokussiert sich die Generation Z auf Benefits, die unmittelbar ihren Alltag verbessern, und erwartet gleichzeitig moderne Arbeitsbedingungen, die sowohl finanziellen Spielraum als auch Erholungszeit ermöglichen.

Zukunft und Alter sind durchaus ein Thema

Die Vorstellung, die Generation Z sei eine reine gegenwartsorientierte Konsumgeneration, greift zu kurz. Der Wunsch nach Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und einem eigenständigen Zuhause zieht sich durch alle Generationen, insbesondere nach einer oft langen Ausbildungsphase, in der finanzielle Ressourcen knapp sind und viel Verzicht nötig ist.

Es erstaunt daher nicht, dass kurzfristige Bedürfnisse wie Konsum, Reisen oder persönliche Entwicklung höher gewichtet werden als langfristige Ziele wie die Altersvorsorge. Dieses Muster ist allerdings kein Alleinstellungsmerkmal der Generation Z. Ein Blick auf den Sorgenbarometer 2025 der UBS zeigt vielmehr, dass sich die Gewichtung gesellschaftlicher Sorgen erwartungsgemäss je nach Altersgruppe unterscheidet. Während bei der älteren Generation Themen wie Gesundheitsfragen, Krankenkassen und Prämien mit rund 44 % der Nennungen an erster Stelle stehen, sorgen sich jüngere Menschen deutlich häufiger um Umwelt- und Klimafragen (40 % der Befragten). Auf den weiteren Rängen folgen jedoch bei den Jüngeren mit 28 % die Altersvorsorge sowie die Wohnkosten.

Nichtlineare Erwerbsbiografien verändern die Vorsorge

Längere Ausbildungszeiten und ein späterer Einstieg ins Erwerbsleben prägen die junge Generation deutlich stärker als frühere Jahrgänge. Statistische Daten zeigen klar, dass junge Menschen heute später finanziell eigenständig werden: Der Anteil der 15- bis 24-Jährigen an der gesamten Erwerbsbevölkerung ist zwischen 1991 und 2025 von 17.3 auf 11.6 % gesunken. Diesen Rückgang führt das Bundesamt für Statistik explizit auf die längere Ausbildungsdauer zurück. Gleichzeitig liegt die Erwerbsquote dieser Altersgruppe bei lediglich 65.8 %, weil viele sich noch in einer Ausbildung befinden.

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Darüber hinaus zeigen empirische Arbeitsmarktdaten, dass junge Erwerbstätige in der Schweiz zunehmend nichtlineare Erwerbsverläufe aufweisen. Diese sind geprägt durch häufigere Stellenwechsel, projektbasierte Arbeit, einen hohen Anteil an Teilzeitmodellen und mehr befristete Beschäftigungsverhältnisse. Diese Arbeitsformen entsprechen zwar den Lebensvorstellungen vieler junger Erwachsener, erhöhen aber das Risiko von Versorgungslücken. Diese Risiken sind weniger Ausdruck «neuer Prioritäten» der Generation Z, sondern vor allem Folge eines Vorsorgesystems, das nach wie vor auf stabile Vollzeiterwerbskarrieren ausgerichtet ist.

Sinkendes Vertrauen in Rentensysteme

Ein weiterer zentraler Faktor ist das ambivalente Verhältnis zu institutionellen Sicherungssystemen. Viele junge Menschen zweifeln daran, dass staatliche Rentenmodelle langfristig ausreichend sind. Diese Skepsis kann einerseits zu einem stärkeren Interesse an privater Vorsorge führen, andererseits aber auch zu Unsicherheit und Handlungsaufschub.

Studien zum Vertrauen in die Altersvorsorge zeigen, dass die Einschätzung der verschiedenen Vorsorgeformen stark vom Alter abhängt. Das Raiffeisen Vorsorgebarometer 2025, durchgeführt in Zusammenarbeit mit der ZHAW School of Management and Law, belegt dies deutlich: 41% der 18- bis 30-Jährigen beurteilen die Zukunftsfähigkeit der AHV kritisch, während das bei den 66- bis 79-Jährigen nur bei 6% der Fall ist. Auch bei der beruflichen Vorsorge fällt das Urteil eher kritisch aus. Bei den unter 50-Jährigen blickt weniger als die Hälfte positiv auf die Zukunft der 2. Säule. Deutlich zuversichtlicher sind die über 50-Jährigen. Dort bewerten 60% der Befragten die Zukunft der beruflichen Vorsorge positiv. Bei der 3. Säule ist das Vertrauen über alle ­Altersgruppen hinweg auf ähnlichem Niveau. Das lässt sich dadurch erklären, dass es sich bei der Säule 3a nicht um ein Umlageverfahren handelt und somit keine direkten Einbussen durch die demografische Entwicklung zu erwarten sind. Dass immer mehr Personen unter 30 Jahren in die Säule 3a einzahlen, ist ein Indiz für die wachsende Bedeutung der privaten Vorsorge für jüngere Generationen.

Wird die Säule 3a zur Antwort auf Unsicherheit?

Die Nutzung der Säule 3a hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, besonders stark bei jüngeren Generationen. Studien zeigen, dass junge Erwachsene nicht nur häufiger, sondern auch früher mit der privaten Vorsorge beginnen. Neuere Erhebungen bestätigen diesen Trend.

Laut einer Umfrage von Comparis, die in den Jahren 2018 und 2022 durchgeführt wurde, ist die Nutzung der Säule 3a innerhalb von nur vier Jahren von 63.1 auf 69.8% angestiegen. Besonders dynamisch entwickelt sich die Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen: Ihr Anteil an 3a-Sparerinnen und -Sparern erhöhte sich seit 2018 von rund 48 auf über 60%. Es stellt sich daher die Frage, ob die Säule 3a zunehmend zu einem zentralen Pfeiler der Altersvorsorge wird, nicht als Ersatz, sondern als notwendige Ergänzung zu einem System, das von vielen als immer weniger verlässlich wahrgenommen wird.

Take Aways

  • Die Generation Z priorisiert bei der Arbeitgeberwahl kurzfristig wirksame Benefits wie Lohn, Boni und Freizeit stärker als langfristige Vorsorgeleistungen.
  • Ein später Einstieg ins Berufsleben sowie nicht­lineare Erwerbsbiografien mit Teilzeit, Projektarbeit und häufigen Wechseln erhöhen das Risiko von Vorsorgelücken.
  • Das Vertrauen in die 1. und die 2. Säule ist bei Jüngeren deutlich geringer. Dafür gewinnt die Säule 3a an Bedeutung und entwickelt sich zur zentralen Ergänzung der Altersvorsorge.

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