Umso mehr müsste man sich doch gerade zu Beginn des Erwerbslebens mit Vorsorgefragen auseinandersetzen.
Man muss sich bewusst sein, dass die soziale Absicherung sehr stark auf Erwerbsarbeit ausgerichtet ist. Zu Beginn der Erwerbskarriere sollte man sich in der Beziehung daher über die Verteilung der Sorge- und der Erwerbsarbeit verständigen: Wer arbeitet wie viel, wer übernimmt wie viel Betreuung – von Kindern oder anderen Angehörigen. Das ist das Wichtigste. Alles andere ist davon abhängig.
Wo sehen Sie die grössten Wissenslücken bei jungen Erwerbstätigen?
Viele Junge wissen nicht, dass unser Sozialversicherungssystem Erwerbsbiografien von Frauen systematisch benachteiligt. Salopp gesagt: In der Schweiz wird nicht einfach für alle gesorgt. Es wird nicht jede Arbeit gleich gewertet, weder auf dem Arbeitsmarkt noch in den Sozialversicherungen. In der AHV gibt es Erziehungs- und Betreuungsgutschriften. Sorgearbeit ist somit in der AHV rentenbildend, in der 2. Säule nicht. Dazu kommt, dass typische Frauenberufe nach wie vor schlechter bezahlt sind.
Wie verteilt sich aus Sicht des SGB die Verantwortung für die Vorsorge zwischen Individuum, Staat, Sozialversicherungen und Arbeitgebern?
Vorsorge ist eine kollektive Aufgabe, die gesellschaftlich und politisch ausgehandelt werden muss. Die Politik darf den persönlichen Lebensentwurf nicht vorschreiben. Die Idee, selbst für die Rente verantwortlich zu sein, ist grundfalsch. Ein liberaler Staat muss dafür sorgen, dass alle so leben können, wie sie wollen. Die ganze Bevölkerung muss gleich, diskriminierungsfrei und ökonomisch effizient abgesichert werden. Das ist der grösste Hebel. Es ist ein Trugschluss, dass die Bürgerinnen und Bürger nichts mit der Politik oder den Sozialversicherungen zu tun haben. Sie leben in dieser Gesellschaft und können sich auf unterschiedlichen Ebenen einbringen: Wahlen, Abstimmungen, Diskussionen, Engagement.
Stösst der Ruf nach Eigenverantwortung an Grenzen?
Ja, überall und sofort. Diese Frage kann nicht unabhängig von den Rahmenbedingungen beantwortet werden. Früher, als es die AHV noch nicht gab, musste man so lange arbeiten wie möglich, und die Kinder haben für ihre Eltern gesorgt. Die Eigenverantwortung spielt nun anders: Wir haben zum Glück einen Sozialstaat, der kollektiv gegen Lebensrisiken absichert. Das ist gerechter und ökonomisch viel effizienter. Sich selbst abzusichern, wäre viel teurer und würde zu mehr Ungerechtigkeit führen.
Welche Formen der Zusammenarbeit zwischen Sozialversicherungen und Arbeitgebern funktionieren aus Ihrer Sicht gut?
Es funktioniert immer dort gut, wo die Sozialpartner gleichberechtigt eingebunden sind. Das ist insbesondere bei den Gesamtarbeitsverträgen, den Pensionskassen oder der Suva der Fall.
Welche Verantwortung tragen Arbeitgeber bei der Vorsorge ihrer Mitarbeitenden?
Die wichtigste Aufgabe der Arbeitgebenden sind gute Arbeitsbedingungen, gute Löhne und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, z.B. mit Kita-Zulagen und einer Elternzeit. Zudem ist der Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz wichtig, zu dem auch eine Krankentaggeldversicherung gehört. All das ist die beste Vorsorge und bringt viel mehr als eine Hochglanzbroschüre. Bei den Pensionskassen gibt es viele gute Lösungen in der überobligatorischen Vorsorge, die auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmenden zugeschnitten sind, zum Beispiel ein an den Teilzeitgrad angepasster Koordinationsabzug. Im Überobligatorium kann viel für eine gute Vorsorge herausgeholt werden. Besonders gut wird das in betriebseigenen Pensionskassen oder in branchennahen Sammelstiftungen umgesetzt.
Gibt es Beispiele, die aus gewerkschaftlicher Sicht als Best Practice gelten?
Bei all diesen Themen gibt es vieles, das bereits gut funktioniert. Wir haben in der Schweiz Arbeitgebende mit sehr guten Arbeitsbedingungen und viel Mitbestimmungsrecht der Belegschaft. Ein Leuchtturmbeispiel aus Gewerkschaftssicht ist das Rentenalter 60 in der Baubranche. Hier wird mit der privatrechtlichen, sozialpartnerschaftlich geführten Stiftung FAR der Ruhestand vor dem Referenzalter finanziert. Ebenfalls stechen Branchenpensionskassen hervor, die wirklich sozialpartnerschaftlich geführt werden. Die ebenfalls sozialpartnerschaftlich geführte Suva überzeugt unter anderem durch die gute Präventionsarbeit, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten zu einer deutlichen Reduktion der Arbeitsunfälle geführt hat. Dadurch werden insgesamt sehr viele Gesundheitskosten gespart, Prämien für die Arbeitgebenden tief gehalten und den Arbeitnehmenden viel Leid erspart.
Wo sehen Sie Defizite in der heutigen Praxis?
Bei den Arbeitgebenden und ihren Verbänden, die längere Arbeitszeiten, mehr Sonntagsarbeit und ein höheres Rentenalter wollen. Der Arbeitgeberverband individualisiert Stress und Erschöpfung. Schlechtere Arbeitsbedingungen verschlechtern die Vorsorge und führen zu mehr Krankheitsfällen. Menschen, die krank sind, fallen aus – das ist sowohl für Arbeitgebende als auch Arbeitnehmende schlecht. Die Lohnfortzahlungspflicht oder besser eine Krankentaggeldversicherung bieten zwar eine Absicherung für eine gewisse Zeit. Schlechte Löhne führen aber zu einem schlechten Lohnersatz – und Sozialversicherungen funktionieren primär nach Lohnersatz.
Was erwarten Sie konkret von HR-Abteilungen?
Erstens muss sich das HR für gute Arbeitsbedingungen einsetzen und kein Feigenblatt der Chefetage sein. Das heisst, wenn Mitarbeitende sich mit Missständen ans HR wenden – z.B. bezüglich Arbeitszeit oder sexueller Belästigung –, muss das ernst genommen werden, und es muss sich auch etwas ändern. Zweitens muss das HR dafür sorgen, dass die Mitbestimmung ernst genommen wird. Im Gesundheitsschutz gibt es beispielsweise ein gesetzliches Mitbestimmungsrecht. Generell sollten Personalverantwortliche die Mitbestimmung fördern, denn die Mitarbeitenden wissen am besten, was ihnen und der Firma nützt. Früher war klar, dass man keine älteren Angestellten oder Arbeitnehmendenvertreter entlässt. Das HR muss sich für einen besonderen Schutz dieser Gruppen vor Kündigung einsetzen.
Welche Rolle spielen die Gewerkschaften in der Vorsorgeaufklärung?
Das machen die Gewerkschaften auf zwei Ebenen. Zum einen mit dem Engagement in der Öffentlichkeit, denn gesamtgesellschaftliche Probleme müssen ausgehandelt werden. Dabei setzen wir uns dafür ein, dass die Vorsorge nicht individualisiert wird. So nehmen wir Einfluss bei Gesamtarbeitsverträgen, Sozialversicherungen, Pensionskassenlösungen und der Suva. Auf der anderen Seite bieten wir Weiterbildungen an mit unserem Bildungsinstitut Movendo. Dort führen wir Rentenplanungskurse mit allgemeinen Informationen und konkreter Beratung. Zudem haben wir ein Bildungsangebot für Jugendliche und besuchen Berufsschulen.
Welche Initiativen wären aus Ihrer Sicht sinnvoll, um jüngere Erwerbstätige besser zu erreichen?
Indem wir das Verständnis schaffen, dass es bei der Vorsorge nicht primär um technische Werte geht wie Koordinationsabzug oder Verzinsung. Es geht um die Frage, wie wir die Lebensrisiken absichern können. Das lernt man in der Schule und der Berufsschule – hier sollten wir den allgemeinbildenden Unterricht stärken und über diese Themen reden. Und zwar nicht theoretisch, sondern an die Lebensrealität anknüpfend darüber diskutieren – vom individuellen AHV-Kontoauszug gelangt man dann zu gesellschaftlichen Fragen. Am wichtigsten sind lebensnahe Beispiele und Erklärungen von Personen aus der Peergroup. Dazu kommen vermehrt Videos oder interaktive Tools. Dabei ist es wichtig, dass Lehrmittel und Tools von unabhängiger Stelle kommen oder zumindest deklariert wird, welche Interessen dahinterstehen.
Das heisst, digitale Tools gewinnen an Bedeutung?
Interaktive Tools sind sehr wichtig. Aber am besten wissen das die Jugendlichen selbst – wir sollten sie direkt fragen, was sie anspricht. Dennoch bin ich überzeugt, dass der persönliche Kontakt durch Peers am allerwichtigsten ist. Influencer in sozialen Medien spielen auch eine Rolle. Wobei man auch hier darauf achten muss, ob sie unabhängig agieren oder im Auftrag einer Bank erklären, wie man sein Geld anlegen sollte.
Wie kann man Vorsorge greifbarer und alltagsnäher machen?
Auf die Themen herunterbrechen, die die Leute konkret betreffen. Zum Beispiel, wie die Gesellschaft mit Arbeitsunfähigkeit umgeht – alle kennen jemanden, der von einer schweren Krankheit betroffen ist, oder sind selbst betroffen. Die Zahl der Leute mit psychischen Erkrankungen und entsprechende Abwesenheiten steigen massiv. Hier stellt sich die Frage, was bezahlt wird und wie lange. Psychische Erkrankungen verlaufen weniger linear und sind langwieriger als z.B. ein Beinbruch. Eine Krankentaggeldversicherung macht einen grossen Unterschied: Sicherheit für bis zu 720 Tage oder Lohnfortzahlung nach OR und nach wenigen Wochen kein Einkommen mehr.
Was passiert, wenn Vorsorgelücken zu spät erkannt werden?
Am stärksten gefährdet sind Personen, die mehrheitlich Sorge- und Betreuungsarbeit leisten. Denn tiefe oder keine Löhne führen zu tiefem Lohnersatz. Das ist eine Armutsfalle, die zu zusätzlichem Stress und psychischen Belastungen führt. Und zur Überwälzung von Kosten und Risiken von den Arbeitgebenden auf die Arbeitnehmenden und die Allgemeinheit. Stressbedingte Gesundheitskosten steigen massiv. Anpassungen am System führen häufig nur zu Kostenverlagerungen, nicht zu Einsparungen. Wenn die IV «sparen» kann, bezahlt die Sozialhilfe.
Wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf in den nächsten Jahren?
Entscheidend ist die Beschäftigungspolitik: Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss verbessert werden, Arbeit darf nicht krank machen, und alle müssen gut von ihren Löhnen leben können. Das sind die drei grossen Baustellen. Zum Vergleich: Ein Paar mit Kindern war früher 100 Prozent berufstätig. Heute sind es 140 bis 160 Prozent. Konkret brauchen wir deshalb eine bessere Kita-Finanzierung, Betriebe müssen statt alle zwanzig Jahre alle zwei Jahre bezüglich des Gesundheitsschutzes kontrolliert werden, und damit alle von ihrem Lohn leben können, brauchen wir gute Mindestlöhne. Wer eine Lehre gemacht hat, soll mindestens 5000 Franken verdienen.
Was ist Ihre wichtigste Botschaft für junge Erwerbstätige?
Was alle können: Werdet Gewerkschaftsmitglieder, engagiert euch! Und wer kann: Geht abstimmen und wählen.
Take Aways
- Gute Löhne, gesunde Arbeitsbedingungen und Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind aus Sicht des SGB die wirksamste Vorsorge.
- Das heutige Vorsorgesystem benachteiligt Personen mit Betreuungsaufgaben, insbesondere Frauen.
- Vorsorge ist laut Eggmann keine individuelle, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe.
- Junge Erwerbstätige erreicht man am besten mit lebensnahen Beispielen, persönlichem Austausch und verständlichen digitalen Tools.