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Wenn Fakten nicht reichen: Was bei HR und Führung hängen bleibt

Was wir aus einer aktuellen Studie zu Wechseljahren über wirksame Gesundheitskommunikation lernen können.

30.09.2026
Lesezeit: 4 min

Dass Wechseljahre Auswirkungen auf den Arbeitsalltag haben können, ist in vielen Unternehmen inzwischen bekannt. Weniger klar ist, wie darüber gesprochen werden sollte: Welche Form der Kommunikation vermittelt Wissen, ermöglicht Perspektivwechsel und fördert Handlungsbereitschaft?

Der Bedarf ist da: Laut HR-Fokusreport 2026 kennen nur 3 von 10 Führungskräften die gesundheitlichen Herausforderungen von Frauen. Damit wird die Frage nach einer Kommunikation relevant, die nicht nur informiert, sondern Fach- und Führungskräften hilft, gesundheitliche Situationen im Arbeitsalltag besser einzuordnen.

Dabei ist eine Differenzierung wichtig: Nicht alle Frauen erleben die Wechseljahre mit Beschwerden, die ihren Arbeitsalltag beeinträchtigen. Für viele sind sie eine natürliche Lebensphase ohne relevante Einschränkungen. Gleichzeitig gibt es Frauen, bei denen beispielsweise Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, Hitzewallungen oder psychische Belastungen die Arbeit deutlich erschweren können.

Gerade dort, wo Beschwerden den Arbeitsalltag beeinflussen, wird das Thema auch für Führung und HR relevant. Jede vierte Frau erwägt aufgrund von Menopause-Symptomen, den Arbeitsplatz aufzugeben, zeigt eine Untersuchung des Institute for Women’s Wellbeing at Work (IWWW). Gute Rahmenbedingungen können dazu beitragen, Arbeitsfähigkeit und wertvolle Erfahrung im Unternehmen zu erhalten. Umso wichtiger ist eine Kommunikation, die mögliche Auswirkungen verständlich macht.

Wie Erfahrungen vermittelt werden, macht einen Unterschied

Sachinformationen schaffen eine wichtige Grundlage. Darüber hinaus stellt sich bei sensiblen Gesundheitsthemen die Frage, wie Menschen ohne eigene Erfahrung einen Zugang zum Erleben Betroffener finden können. Genau hier können narrative Formate ansetzen: Sie ergänzen Fakten um konkrete Situationen, Zusammenhänge und Perspektiven aus dem Arbeitsalltag.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Was bewirken solche Erfahrungsberichte bei HR- und Führungspersonen, die selbst nicht betroffen sind?

Von der Information zur Innensicht

Das IWWW übersetzt wissenschaftliche Erkenntnisse zu Frauengesundheit in die Unternehmenspraxis – etwa in Schulungen, Workshops und Formate für HR und Führung. Dabei zeigt sich immer wieder: Wenn konkrete Erfahrungen einfliessen, wird das Thema für Teilnehmende auf eine andere Weise greifbar.

Nicht alle Frauen möchten im Unternehmenskontext offen über ihre Erfahrungen sprechen – und das muss auch kein Ziel sein. Erfahrungsberichte können unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen, ohne dass Mitarbeitende selbst Persönliches preisgeben müssen. Aus dieser Praxisbeobachtung entstand die Frage: Lässt sich diese wahrgenommene Wirkung auch wissenschaftlich nachvollziehen?

Dieser Frage geht Olivia Schneider an der Hochschule Bochum in Zusammenarbeit mit dem IWWW nach. Für die Studie wurden auf Basis von Fokusgruppen fiktionalisierte Erfahrungsberichte aus der Ich-Perspektive entwickelt. Untersucht wird ihre Wirkung auf Führungskräfte mit Personalverantwortung sowie Fachpersonen aus HR, BGM, Diversity Management und vergleichbaren Bereichen, die selbst aktuell nicht von den Wechseljahren betroffen sind und nur geringe Vorkenntnisse mitbringen.

Die Teilnehmenden lesen zunächst die Erfahrungsberichte. Rund zwei Wochen später werden sie in qualitativen Interviews dazu befragt – unter anderem dazu, was in Erinnerung geblieben ist, welche neuen Erkenntnisse entstanden sind und ob sich ihre Wahrnehmung des Themas verändert hat.

Die Auswertung ist noch nicht abgeschlossen. In den bisherigen Interviews zeichnen sich jedoch wiederkehrende Muster ab. Ein zentrales Muster betrifft die Innensicht. Die Befragten beschrieben die Perspektive der Frauen in den Erfahrungsberichten als besonders eindrücklich. Auch Personen, die zuvor wenig Bezug zum Thema hatten, erhielten Einblicke in Situationen, die ihnen bisher kaum bekannt waren.

Fakten vermitteln Wissen darüber, was während der Wechseljahre auftreten kann. Erfahrungsberichte können zusätzlich helfen zu verstehen, was diese Veränderungen für den Arbeitsalltag einer Mitarbeiterin bedeuten können.

Ein weiteres Muster zeigt sich in der Einordnung des Themas. Mehrere Befragte stellten von sich aus Bezüge zu bereits vertrauten Gesundheitsthemen wie Depression oder Burnout her. Das deutet darauf hin, dass neue gesundheitliche Themen leichter eingeordnet werden können, wenn sie an bereits bekannte Themen und betriebliche Strukturen anschliessen.

Auch der Rahmen der Vermittlung erwies sich als relevant. Mehrere Befragte warnten davor, Wechseljahre zu stark über Beschwerden und mögliche Leistungseinbussen zu erzählen. Werden ausschliesslich belastende Erfahrungen dargestellt, kann dies unbeabsichtigt ein defizitorientiertes Bild verstärken.

Die bisherigen Gespräche legen deshalb nahe, Verständnis mit Orientierung zu verbinden: Was kann eine Führungskraft tun? Welche Unterstützung kann HR anbieten? Welche bestehenden Möglichkeiten können genutzt werden? Nicht nur die Geschichte selbst scheint damit relevant zu sein, sondern auch die Art, wie sie eingebettet wird.

Aus den bisherigen Interviews lassen sich bereits erste Hinweise für die Kommunikation sensibler Gesundheitsthemen ableiten:

Perspektiven ergänzen Fakten.

Sachinformationen bleiben wichtig. Konkrete Erfahrungsberichte können zusätzlich sichtbar machen, was gesundheitliche Veränderungen im Arbeitsalltag bedeuten können – insbesondere für Menschen ohne eigene Erfahrung mit dem Thema.

Erfahrungen ausgewogen darstellen.

Narrative Formate sollten nicht ausschliesslich Beschwerden und Einschränkungen zeigen, sondern die Vielfalt möglicher Erfahrungen berücksichtigen.

Orientierung mitdenken.

Wer gesundheitliche Herausforderungen sichtbar macht, sollte auch zeigen, welche Möglichkeiten Beschäftigte, Führungskräfte und HR haben. Verständnis allein beantwortet noch nicht die Frage, wie im Arbeitsalltag damit umgegangen werden kann.

An bestehende Strukturen anschliessen.

Nicht jedes Gesundheitsthema braucht vollkommen neue Angebote. Bestehende Prozesse rund um Gesundheit, Arbeitsfähigkeit, flexible Arbeitsgestaltung oder Beratung können wichtige Anknüpfungspunkte bieten.

Die Studie untersucht am Beispiel der Wechseljahre eine Frage, die weit darüber hinausgeht: Wie können gesundheitliche Erfahrungen so vermittelt werden, dass sie Menschen ohne eigene Betroffenheit einen Perspektivwechsel ermöglichen, ohne Betroffene auf ihre gesundheitlichen Herausforderungen zu reduzieren?

Die bisherigen Interviews liefern erste Hinweise darauf, dass narrative Erfahrungsberichte dabei eine Rolle spielen können. Entscheidend scheint jedoch nicht nur zu sein, welche Geschichten erzählt werden, sondern auch, wie sie gestaltet und in welchen Kontext sie eingebettet werden.

Die abschliessende Auswertung wird zeigen, welche Erkenntnisse sich daraus für die Kommunikation zu Wechseljahren und möglicherweise auch für andere sensible Gesundheitsthemen im Arbeitskontext ableiten lassen.

Women’s Wellbeing at Work Summit 2026

Am 20. November 2026 bringt der Fachkongress Women’s Wellbeing at Work Summit an der HWZ Zürich Expert:innen aus HR, Führung, People & Culture sowie betrieblichem Gesundheitsmanagement zusammen. Im Fokus stehen Frauengesundheit, Arbeitsfähigkeit und gesunde Führung als strategische Zukunftsthemen für Organisationen. Das Programm verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse, Best Practices aus Unternehmen und Möglichkeiten zum fachlichen Austausch und Networking: Women’s Wellbeing at Work Summit 2026 — IWWW

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