Herr Mattig, seit 2007 prägen Sie als Direktor die Arbeit von Gesundheitsförderung Schweiz massgeblich mit. In dieser Zeit hat sich das Betriebliche Gesundheitsmanagement von einem Nischenthema zu einem strategischen Handlungsfeld für die Wirtschaft entwickelt. Welche Entwicklungen werten Sie als grösste Erfolge Ihrer Amtszeit, und wo wurden die Erwartungen bisher nicht erfüllt?
Das Betriebliche Gesundheitsmanagement hat sich in den letzten zwanzig Jahren von einem Nischenthema zu einem anerkannten Führungs- und Managementthema entwickelt. Das betrachte ich als den grössten Erfolg. Gleichzeitig gibt es noch Bereiche, in denen wir zu wenig Fortschritte sehen. Besonders in Branchen mit hoher Belastung oder bei vulnerablen Gruppen greifen klassische Ansätze oft nur begrenzt. Dazu gehören auch junge Berufseinsteiger. Rund 60 Prozent berichten von psychischen Belastungen.
Eine aktuelle VZ-Studie zu Unfall- und Krankentaggeldversicherungen zeigt, dass die Absenzen langfristig steigen und die durchschnittliche Schadenquote in der Krankentaggeldversicherung mit 83 Prozent deutlich über dem Zielbereich der Versicherer liegt. Welche Schlüsse ziehen Sie daraus für die zukünftige Ausrichtung der Gesundheitsförderung in der Arbeitswelt?
Steigende Absenzen, Fachkräftemangel und höhere Kosten zeigen, dass der Handlungsdruck zunimmt. Prävention kann aber Risiken senken, Ressourcen stärken und dazu beitragen, dass Menschen länger gesund und leistungsfähig bleiben. Darum braucht es ein gutes Monitoring. BGM muss stärker datenbasiert, langfristig und näher an den tatsächlichen Arbeitsbedingungen ausgerichtet werden. So haben wir im BGM-Monitoring 2024 erstmals auch kleinere Unternehmen mit 10 bis 49 Mitarbeitenden systematisch einbezogen.
Steigende Absenzen und hohe Schadenquoten in der Krankentaggeldversicherung beschäftigen Versicherer und Arbeitgeber gleichermassen. Welche Formen von Produktivitätsverlusten und gesundheitlichen Belastungen werden in Unternehmen Ihrer Beobachtung nach noch immer unterschätzt?
Neben den klassischen Stressfaktoren beobachten wir neue Herausforderungen. Etwa die gesundheitlichen Auswirkungen zunehmender «Arbeitsverdichtung» wegen der Digitalisierung, das heisst mehr Arbeit in weniger Zeit. Arbeitsverdichtung und Informationsflut beeinflussen nicht nur die Leistungsfähigkeit, sondern auch Konzentration, Schlafqualität und psychisches Wohlbefinden. Solche Faktoren werden in ihrer Bedeutung oft noch unterschätzt. Genau deshalb muss sich auch das Betriebliche Gesundheitsmanagement laufend weiterentwickeln. Wer heute nur die Belastungen von gestern betrachtet, wird die Herausforderungen von morgen nicht lösen können.
«Ich teile die Kritik»