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Gesundheitsförderung ohne Druck und Stigmatisierung: Wie sie gelingt

Mitarbeitende mit einem auffälligen Merkmal – beispielsweise Übergewicht – werden in der Arbeitswelt oft stigmatisiert. Die betriebliche Gesundheits­förderung kann dieses Problem verstärken – sofern sie nicht durchdacht ist. Zwei ­Beispiele der Graubündner Kantonalbank und der Verkehrsbetriebe ­Luzern ­zeigen, wie Gesundheit wirksam und nachhaltig gefördert werden kann, ohne auszugrenzen.

24.09.2026
Lesezeit: 4 min

Über Stigmatisierung am Arbeitsplatz spricht kaum jemand offen – am allerwenigsten jene, von denen sie ausgeht. Entsprechend schwer fassbar ist das Thema: Man merkt, dass da etwas ist, zu greifen bekommt man es jedoch kaum. «Es wabert irgendwie unter der Oberfläche», sagt Susanne Mosbacher, Gründerin und CEO der actively GmbH. «Aber die Betroffenen spüren den Druck sehr wohl – und leiden darunter.» Als HR-Business-Partnerin und Expertin für Organisationsentwicklung hat sie Einblick in viele Betriebe. Insbesondere Menschen mit Übergewicht berichten ihr von Bemerkungen von Kolleginnen und Kollegen, von unaufgeforderten Ratschlägen von Vorgesetzten, von zugeschickten Links mit Abnehmtipps bis hin zur Abgabe von Mittelchen gegen das vermeintliche Problem. Es ist eine subtile Übergriffigkeit, die unter dem Deck­mantel der Sorge um die Gesundheit daherkommt. Aus­löser ist oft schlicht die Sichtbarkeit: Weil man einem Menschen sein Gewicht ansieht, halten Vorgesetzte es für ein Problem, das man ansprechen darf – oder gar muss. Wie häufig solche Situationen vorkommen, lässt sich nicht beziffern; niemand führt darüber Buch. «Diättipps oder der Ratschlag, sich mehr zu bewegen, erfolgen meist nur im Einzelgespräch unter vier Augen», sagt Mosbacher. Bekannt ist das Problem dennoch: Laut Faktenblatt der ­Allianz Adipositas Schweiz werden übergewichtige Menschen häufig gemobbt, ausgegrenzt und stigmatisiert, im Alltag ebenso wie am Arbeitsplatz.

Der Rat, der krank macht

Und genau das wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus. Um beim Beispiel mit dem Übergewicht zu bleiben: Die Stigmatisierung verschlechtert die soziale Situation der Betroffenen, was wiederum die Adipositas aufrechterhält, schreibt Jean-Pierre Poulain, Soziologe mit der Professur «Food Studies: Food, Cultures and Health» an der Taylor’s University und der Universität Toulouse. Heisst: Wer ständig zu hören bekommt, sein Gewicht sei ein Problem, nimmt davon nicht ab, sondern fühlt sich vor allem schlechter. Die Folgen der Stigmatisierung können laut Allianz Adipositas Schweiz vielfältig sein: Essstörungen, weniger Bewegung, Gewichtszunahme durch Frustessen, ein sinkendes Selbstwertgefühl, ein negatives Körperbild, Depression und Isolation. Der gutgemeinte Hinweis der Führungskraft, man möge sich doch «gesünder ernähren und mehr bewegen», öffnet damit einem Teufelskreis Tür und Tor. Statt gesünder zu werden, werden die Betroffenen kränker.

Keine böse Absicht, sondern ­unglückliches Massnahmen-Design

In der betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) entsteht Stigmatisierung selten aus böser Absicht. Sie kann sich aber im Design der Massnahmen verstecken – etwa, wenn ein Angebot stillschweigend einen Normalfall unterstellt, zum Beispiel den «normalen» Körper oder die «typische» Lebenssituation. Oder sie kann sich ergeben, wenn strukturelle Probleme individualisiert werden. So können Resilienz- und Stresstrainings die Botschaft senden, Burnout sei eine Frage der persönlichen Belastbarkeit, während vielleicht eher Personalmangel oder schlechte Führung für die chronische Überlastung der Belegschaft verantwortlich sind. Auch eine Ernährungsberatung kann zu kurz greifen, wenn Menschen Schicht arbeiten oder zu wenig verdienen – und damit eher mit den Bedingungen zu kämpfen haben statt mit fehlendem Wissen oder Willen. Das Sichtbarmachen von Sachverhalten oder wie man ein Angebot benennt, kann ebenso stigmatisierend wirken: Wer zum Beispiel bei Schritt-Challenges Ranglisten veröffentlicht, riskiert, die Belegschaft in Performer und Problemfälle zu unterteilen; wer ein Programm «Fit ab 50» nennt, adressiert Ältere schnell als defizitäre Gruppe. Und setzt man ­ausschliesslich auf sportliche Aktivitäten
als Teambuilding-Massnahme (z.B. «Fun Run»), sind Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder Herzproblemen aussen vor, während man sie dem Vergleich mit dem leistungsfähigen Normkörper aussetzt. Schliesslich kann Freiwilligkeit in Druck kippen, sobald eine Nichtteilnahme auffällt – etwa, wenn jemand schon wieder nicht bei «Bike to work» mitmachen will.

Das Ergebnis ist oft das Gegenteil des Gewollten: Gerade die belasteten Gruppen fühlen sich nicht unterstützt, ziehen sich zurück oder verschweigen ihre Probleme. Und die Angebote erreichen vor allem jene, denen es ohnehin schon gut geht.

Auf den folgenden Seiten zeigen zwei Best-Practice-Beispiele der Graubündner Kantonalbank (GKB) und der Verkehrsbetriebe Luzern (VBL AG), wie Gesundheit wirksam und nachhaltig gefördert werden kann, ohne auszugrenzen. Beide Unternehmen sind von der Gesundheitsförderung Schweiz mit dem Label «Friendly Work Space» ausgezeichnet, und beide verfolgen denselben doppelten Ansatz: Erstens, eine breite Palette an Angeboten zu schaffen, die der ganzen Belegschaft offensteht. Zweitens setzen sie, statt nur auf das Verhalten der Mitarbeitenden abzuzielen, auf die Verhältnisprävention, also auf die Rahmenbedingungen bei der Arbeit als wichtigen Hebel für die Gesundheit. Dabei spielen besonders die Unternehmenskultur und die Führung eine wichtige Rolle.

Zwei BGM- Best-Practice-Beispiele

Die Verkehrsbetriebe Luzern (VBL AG) und die Graubündner Kantonalbank (GKB) sind zwei Unternehmen, die die betriebliche Gesundheitsförderung mit einem erweiterten Fokus angehen. Beide Beispiele zeigen: Vielfältige Angebote sind zwar das Sichtbare an der Gesundheitsförderung, aber nicht das Entscheidende.

Gesundheitscamps und Freiräume

Die Graubündner Kantonalbank (GKB) verfolgt einen ganzheitlichen BGM-Ansatz, der der ­Diversität der Belegschaft gerecht werden soll.

Rund tausend Mitarbeitende beschäftigt die GKB, von der Kundenberatung bis ins Backoffice, verteilt auf den Hauptsitz in Chur und die Regionalsitze im ganzen Kanton. Vier Generationen arbeiten hier zusammen, viele sind seit Jahren dabei, rund ein Drittel arbeitet Teilzeit.

«Diversität ist bei der GKB sehr wichtig», sagt Tamara Kühne, Leiterin Personal Nachwuchs und Co-Lead des BGM-Teams. Entsprechend breit ist das Gesundheitsangebot angelegt: «Es geht darum, für möglichst vielfältige Zielgruppen Angebote zu schaffen.» In einem ganzheitlichen Ansatz wird Wert auf regelmässige Sensibilisierung und Kommunikation gelegt, wobei der Mensch im Zentrum steht. Im Gesundheitsreporting werden Kennzahlen systematisch gemessen und die Massnahmen bedürfnisgerecht angepasst und weiterentwickelt.

Gebündelt ist die Gesundheitsförderung der GKB in vier Fokusthemen.

Ergonomie: Mitarbeitende können Stehtische, in besonderen Fällen Spezialmobiliar sowie Pauschalen für die Einrichtung des Homeoffice beziehen.

Ernährung: Dieses Fokusthema umfasst das Personalrestaurant und die Cafeteria mit kostenlosem Kaffee und Früchten.

Bewegung und Team: Dazu gehören der Personalverein mit regelmässigen Anlässen, diversen Sportvereinen und Investitionen in die Teamentwicklung, vom Personalfest bis zum Weihnachtsessen.

Mentale Gesundheit: Darunter findet sich eine Anlaufstelle bei Movis, rund um die Uhr erreichbar, anonym und kostenlos, für persönliche sowie betriebliche Anliegen. «Im Intranet bieten wir zudem ein Netzwerk von Psychologinnen und Psychologen, wo sich Mitarbeitende kostenlos und anonym melden können», sagt Tamara Kühne. Hinzu kommen Seminare zu Resilienz und Selbstmanagement sowie ein Kurs in Erster Hilfe für die mentale Gesundheit.

Genauso wie die Führungskräfte über Führungsseminare für Gesundheitsthemen sensibilisiert werden, wird darauf explizit auch bei der Arbeit mit den Lernenden grosser Wert gelegt. Die Gesundheit sei in dieser Lebensphase ein sehr wichtiges Thema, entsprechend präventiv sei der Ansatz, sagt die BGM-Co-Leiterin: Ein Resilienzkonzept begleitet die Jugendlichen durch die Ausbildung. «Ein halbes Jahr nach Ausbildungsstart gibt es Inputs von einer Psychologin und einer Personal Trainerin, die die Auszubildenden mit regelmässigen Touchpoints im Gesundheitsthema unterstützen.» Ein Highlight während der Ausbildung sei ein einwöchiges Camp, in dem es für einmal nicht um Banking gehe, sondern um Bewegung, Ernährung, mentale Gesundheit und Persönlichkeitsentwicklung. Es gehe darum, in einem ganzheitlichen Ansatz für jede Generation und Lebenslage etwas anzubieten; jeder soll für sich wählen können, was er oder sie gerade braucht, sagt Kühne. «Unser Motto: ein gesunder Geist in einem gesunden Körper.»

Ohne Kulturarbeit keine gesunden Mitarbeitenden

«Betriebliche Gesundheitsförderung würde aber zu kurz greifen ohne eine entsprechende Kultur», ist sie überzeugt. Gemeint ist eine Kultur im Sinne von New Work: Freiräume und Mitgestaltung, ein gemeinsamer Purpose, an dem sich alle orientieren – eine Umgebung also, in der die Mitarbeitenden aufblühen können, der Mensch spürbar im Zentrum steht und sich eigenverantwortlich einbringen kann. Die Organisation kümmere sich dabei um die Rahmenbedingungen, die Führungskraft wirke als Sparringpartnerin, und die Mitarbeitenden erhielten Raum für Gestaltung. Neben dem Gesundheitsangebot ist für Tamara Kühne die Haltung des Arbeitgebers wichtig und die Botschaft, die dieser vermittelt: «Dass es wichtig ist, zur eigenen Gesundheit zu schauen, um langfristig leistungsfähig zu bleiben und Begeisterung an der Arbeit zu behalten.»

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Tamara Kühne

Leiterin Personal Nachwuchs und Co-Lead des BGM-Teams, Graubündner Kantonalbank (GKB)

Dehnübungen und Wunschdienstpläne

Die Verkehrsbetriebe Luzern (VBL) AG verfolgt einen ressourcenorientierten BGM-Ansatz, der insbesondere den ­berufsspezifischen Anforderungen gerecht werden soll.

Bei der VBL AG arbeiten von insgesamt 600 rund 450 Mitarbeitende im Fahrdienst; dazu kommen Kundenbegleiter und -begleiterinnen, das Kundencenter und die Fahrschule, die technischen Abteilungen, die Leitstelle sowie Supportfunktionen wie Disposition, Planung, Marketing und HR.

«Wir haben eine breite Vielfalt an Berufsgruppen – alle mit dem gleichen Ziel, dass wir den öffentlichen Verkehr in der Stadt Luzern und Umgebung zuverlässig sicherstellen», sagt Sara Barmettler, Verantwortliche für Betriebliches Gesundheitsmanagement und Personalentwicklung bei der VBL AG. Fällt jemand aus, spürt das der Betrieb sofort. Zwar können betriebsnahe Funktionen einspringen und einen Bus lenken. «Aber logisch, wir wollen lieber in die Gesundheit investieren, um das zu vermeiden.»

Dass es mit einem Angebotskatalog der Gesundheitsförderung allein nicht getan ist, sieht man auch hier so: «Wenn die Beziehung zum Vorgesetzten nicht stimmt, dann verpuffen Massnahmen wie ein Fitnessabo oder ein Früchtekorb.»

Bei den Angeboten setzt die VBL AG bei den physischen wie mentalen Ressourcen an: Beteiligung am Fitness-Abo, Inhouse-Massagen oder Ergonomieberatungen.

Gerade im Fahrdienst, wo viel gesessen werde, seien die entsprechenden physischen Ressourcen wichtig. Videos zeigen Kraft- und Dehnübungen für kurze Pausen, etwa an den Haltestangen im Bus. Wichtig sei, dass alle die Angebote nutzen könnten, unabhängig von den Arbeitszeiten.

In den obligatorischen Kursen gemäss Chauffeurzulassungsverordnung (CZV) vertiefen sich Berufsfahrerinnen und -fahrer in die für sie wichtigen Themen wie Ernährung im Schichtmodell, Umgang mit Stress oder schwierige Situationen mit der Kundschaft.

Ergänzend gibt es freiwillige Angebote, wo Mitarbeitende ihr Wissen zu spezifischen Themen wie mentale Gesundheit vertiefen können. Wer mehr braucht, findet auch das: eine externe Sozialberatungsstelle oder den Ferienkauf für längere Erholungsphasen.

Gesundheit als Führungsthema

«Gleichzeitig wissen wir, dass solche Gesundheitsangebote alleine nicht reichen», sagt Barmettler. «Letztlich geht es um die Arbeitsbedingungen, die gesundheitsförderlich sein sollen.» Ein prominentes Beispiel ist der Wunschdienstplan im Fahrdienst: Mitarbeitende sollen ihre Arbeit möglichst flexibel an ihre persönlichen Bedürfnisse und Lebenssituationen anpassen können. Wer beispielsweise an bestimmten Tagen mehr Zeit für private Verpflichtungen benötigt, soll dies berücksichtigen können. Andere wiederum arbeiten lieber am Wochenende und geniessen dafür ihre Freizeit unter der Woche.

Kennzahlen wie Fluktuation, Produktivität und Absenzen erfasst die VBL AG systematisch. Dabei geht es nicht darum, Einzelne zu kontrollieren, sondern Entwicklungen früh zu erkennen. Welche Massnahme wie viel zu einer bestimmten Entwicklung beitrage, lasse sich allerdings nicht auseinanderdividieren, sagt Barmettler: «Man kann nicht sagen, tiefe Absenzen kommen vom Fitnessabo.» Angebote, Kultur und Führung wirkten zusammen.

Was man in den Zahlen nicht sieht, zeigt sich im direkten Kontakt. Führungskräfte bei der VBL AG sollen nah genug an ihren Leuten dran sein, um zu merken, wenn es jemandem nicht gut geht. Dann werde das Gespräch gesucht: «Es ist wichtig nachzufragen, wie es der Person geht und wie wir sie unterstützen können.» Was folgt, richtet sich nach der Antwort: eine entlastende Planung, ein anderer Dienst – oder die externe Beratung. Damit Führungskräfte das können, investiert die VBL AG in die Personal- und Führungsentwicklung: Wie geht man damit um, wenn sich jemand verändert, regelmässig ausfällt oder einen Schicksalsschlag erlebt? All das setzt Vertrauen voraus. Gesundheit sei ein sehr persönliches Thema und niemand müsse sagen, wie es ihm wirklich gehe, so Barmettler; aber wo die Beziehung stimme, erzählten die Leute von sich aus – und dann könne man konkret unterstützen.

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Sara Barmettler

Verantwortliche für Betriebliches Gesundheitsmanagement und Personalentwicklung, Verkehrs­betriebe Luzern (VBL AG)

Take Aways

  • Ausgerechnet die betriebliche Gesundheitsförderung kann stigmatisieren: Gutgemeinte Ratschläge, etwa zum Gewicht, machen Betroffene kränker statt gesünder.
  • Stigmatisierung entsteht dabei selten aus böser Absicht, sondern im Design der Massnahmen – Ranglisten, Namen wie «Fit ab 50» oder rein sportliche Teamevents grenzen aus.
  • Auch wer strukturelle Probleme individualisiert, verfehlt die Ursache: Ein Resilienztraining hilft nicht gegen Personalmangel oder schlechte Führung.
  • Die Folge: Belastete Gruppen ziehen sich zurück, erreicht werden vor allem jene, denen es ohnehin gut geht.
  • Entscheidend sind Kultur und Führung: Fitnessabo und Früchtekorb verpuffen, wenn die Beziehung zur Führungskraft nicht stimmt.
  • GKB und VBL AG setzen deshalb auf ein breites Angebot für alle Lebenslagen und auf Verhältnisprävention, etwa Wunschdienstpläne im Fahrdienst.

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