Der Raum arbeitet mit
Wer Leistung will, muss Arbeitsräume schaffen, die sich an menschliche Bedürfnisse anpassen. Die Architekturpsychologin Martina Guhl erklärt, welche Prinzipien dafür entscheidend sind.
Lange Zeit wurde «Ergonomie» vor allem auf Büromöbel oder spezielle Computermäuse, Tastaturen oder Bildschirmblenden reduziert. Aus Sicht der Ergonomin Cécile Baumann-Arnold greift diese Sichtweise zu kurz: «Die äussere Ergonomie umfasst alles, was nicht den Körper betrifft. Die innere Ergonomie hingegen betrifft den Menschen selbst – mit Knochen, Muskeln, Sehnen und seinem gesamten Körperdesign.» Genau hier liege der blinde Fleck vieler ergonomischer Konzepte: Der Mensch werde von aussen optimiert, aber kaum darin geschult, wie er mit seinem eigenen Körper sinnvoll umgehe.
Historisch war die Wissenschaft der Ergonomie produktivitätsgetrieben. Der Mensch musste sich an Arbeitsmittel anpassen. Heute stehe zwar offiziell die Gesundheit stärker im Zentrum, doch in der Praxis halte sich oft die Vorstellung, dass ergonomisch designte Möbel automatisch zu gesunden Mitarbeitenden führt. «Viele Arbeitgeber glauben, wenn sie teure Stühle und höhenverstellbare Tische anschaffen, dann wird der Mensch automatisch gesund. Leider ist es nicht so einfach. Der Mensch ist komplexer.» Baumann-Arnold arbeitet seit Jahrzehnten mit dem Körper und bezeichnet sich selbst als «Exotin» innerhalb der Ergonomie. Ihr Schwerpunkt liegt auf der sogenannten «inneren Ergonomie», die sie als bewussten Umgang mit dem Körper im Zusammenspiel mit der Schwerkraft versteht: «Wir leben permanent mit der Schwerkraft, aber wir lernen so gut wie nirgends, wie wir sie zu unserem Vorteil nutzen können. Viele kämpfen täglich gegen sie an, ohne es zu merken.»
ist Ergonomin, Alexander-Technik-Coach und Komplementär-Therapeutin mit eidgenössischem Diplom. Sie begleitet Unternehmen und Einzelpersonen zu ganzheitlicher Ergonomie, Körperwahrnehmung und gesundem Arbeiten. Ihr Fokus liegt auf alltagstauglichen, langfristig wirksamen Ansätzen.
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Ein zentrales ergonomisches Risiko sieht Baumann-Arnold in unbewussten Gewohnheiten. Menschen entwickelten Haltungen und Bewegungsmuster, die langfristig gegen das eigene Körperdesign arbeiteten: «Wenn jemand den Kopf konstant ein paar Zentimeter zu weit nach vorne reckt oder die Schultern unbewusst hochzieht, steigt der Druck auf die Wirbelsäule massiv.» Solche Muster entstünden schleichend und würden selten hinterfragt. Klassische ergonomische Schulungen konzentrierten sich aus ihrer Sicht zu stark auf Einstellungen von Bildschirm, Maus oder Stuhl. «Dann wird erwartet, dass der Mensch schon weiss, wie er das für sich nutzen soll. Genau das ist oft nicht der Fall.»
Baumann-Arnold beschreibt eindrücklich, wie körperliche Fehlhaltungen psychische Reaktionen verstärken können. Ein zu hoch eingestellter Tisch könne dazu führen, dass Schultern hochgezogen würden, die Atmung flach werde und der Körper zunehmend unter Spannung stehe. «Zuerst sendet der Körper kleine Signale wie Unruhe oder Bewegungsdrang. Werden diese ignoriert, kommen Schmerzen. Und wenn auch das übergangen wird, kann das System in einen regelrechten Panikmodus kippen, weil zu wenig Sauerstoff ankommt.» Häufig würden diese Symptome ausschliesslich als psychischer Stress interpretiert. «Dann machen Menschen Meditation oder Mentaltraining, setzen sich danach wieder in dieselbe Haltung und wundern sich, warum die Entspannung nicht anhält. Die Gewohnheit ist stärker.»
Grundsätzlich seien Menschen motiviert, sich wohlzufühlen und gute Arbeit zu leisten. Die Grenze der Eigenverantwortung sei dort erreicht, wo Wissen und Körperwahrnehmung fehlen. «Wir sind Gewohnheitstiere. Selbst wenn wir wissen, was gut wäre, heisst das nicht, dass wir es umsetzen können.» Deshalb engagiert sich Baumann-Arnold für professionelle Begleitung, statt auf Appelle zur Selbstfürsorge zu setzen. Veränderung müsse neugierig, spielerisch und ohne Druck erfolgen. Entscheidend sei zudem die Vorbildrolle der Führungsebene. «Wenn die Chefetage mitmacht und signalisiert: ‹Ihr seid unsere wichtigste Ressource›, dann entfaltet das Wirkung.»
In Unternehmen arbeitet Baumann-Arnold im Team von Priska Gauger-Schelbert mit dem Konzept «balance-time». Das markenrechtlich geschützte Modell zielt darauf ab, kurze, körpergerechte Bewegungseinheiten achtsam und bewusst in den Arbeitsalltag zu integrieren. «Der Mensch ist ein Bewegungstier. Unbeweglichkeit und repetitive Bewegungen machen krank.» Im Zentrum stehe ein funktionales Verständnis: Welche Gelenke sind für welche Tätigkeit gedacht, und welche Bewegung entlastet konkret die anschliessende Arbeit? Die Arbeit erfolgt sowohl in Gruppen als auch individuell am Arbeitsplatz. Ziel sei ein langfristiger Prozess mit Frühwarnfunktion. «Nicht erst reagieren, wenn der Unfall oder der Ausfall da ist, sondern vorher merken: Jetzt wird es ungünstig.»
Ergonomie und Raumpsychologie ergänzen sich aus Sicht von Baumann-Arnold ideal. Räume wirkten über alle Sinne: Licht, Farben, Geräusche, Materialien, Gerüche und sogar über den Bewegungssinn. Sie berichtet von einer Mitarbeiterin, die täglich vor einer knallroten Wand sass. «Am Abend war sie aggressiv und erschöpft. Nach dem Arbeitsplatzwechsel fiel die Belastung schlagartig weg.» Auch akustische Reizüberflutung in Grossraumbüros oder ungeeignete Sitzmöbel könnten das Nervensystem dauerhaft belasten. Entscheidend sei, dass Sitzflächen Bewegung ermöglichten, ohne den Körper zu destabilisieren, was eine stabile Aufrichtung gegen die Schwerkraft ermögliche. Laufbänder oder Balanceboards am Arbeitsplatz beurteilt Baumann-Arnold hingegen eher kritisch: «Bewegung ist eine Aktivität, die Achtsamkeit braucht. Gleichzeitig Leistung zu erbringen, überfordert das System.» Sinnvoller seien kurze, bewusste Bewegungspausen. «Fünf bis zehn Minuten aktiv bewegen und danach konzentriert arbeiten ist deutlich gesünder, als alles gleichzeitig zu wollen.»
Die Alexander-Technik ist eine Methode zur Schulung von Körperwahrnehmung und Bewegungsgewohnheiten im Alltag. Sie unterstützt dabei, ungünstige Haltungs- und
Spannungsmuster zu erkennen und zu verändern, insbesondere im Zusammenspiel von Kopf, Hals und Rumpf. Ziel ist ein ökonomischer Umgang mit dem eigenen Körper und der Schwerkraft.
Mehr Infos: alexandertechnik.ch
balance-time ist ein Konzept, welches im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung dazu beitragen soll, die Balance zwischen dem Aussen (der Arbeit) und dem Innen (des Individuums) wiederherzustellen. Dabei werden
kurze, bewusste Bewegungseinheiten in den Arbeitsalltag integriert. Der Fokus liegt auf alltagstauglicher, achtsamer Bewegung
und frühzeitiger Entlastung. Das Konzept wurde 2009 mit dem 1. Preis beim Suva-Wettbewerb «Bewegung ist möglich» ausgezeichnet.
Mehr Infos: balance-time.ch/angebot/balance-time
Für Personalverantwortliche empfiehlt Baumann-Arnold niederschwellige Massnahmen: kurze bewegte Pausen, Schulungen zur Nutzung vorhandener Möbel oder Erinnerungshilfen zur Körperwahrnehmung. «Der beste Bürostuhl nützt nichts, wenn niemand weiss, wie er ihn für sich einstellen soll.» Gesundheitsförderung beginne dort, wo Mitarbeitende befähigt würden, Signale ihres Körpers zu erkennen und ernst zu nehmen. «Dann sind sie nicht Opfer der Umstände, sondern selbstermächtigt.»
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