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Gesprächskultur wirkt präventiv

Donnerstag, 28. Januar 2021 - Karen Heidl
Der Umgang mit suchtkranken Mitarbeitenden ist für Team und Vorgesetzte nicht einfach. Konflikte sind vorprogrammiert, und die Bereitschaft, Probleme am Arbeitsplatz auf die Sucht zurückzuführen, ist hoch. Dr. Monika Ridinger unterstützt als Ärztin, Suchtexpertin und Psychotherapeutin Suchtbetroffene und Führungskräfte.
Frau Dr. Ridinger, wie würden Sie in einfachen Worten Sucht beschreiben?

Eine Sucht unterscheidet sich eigentlich nicht von einer schlechten Gewohnheit, die allerdings ausser Kontrolle gerät. Das ist das Heimtückische. Das Belohnungssystem, also das Gefühl, sich mit dem Substanzkonsum zu belohnen (siehe Kasten und Grafik: «Das Belohnungssystem», Seite 31) wird mit dieser Gewohnheit bedient. Jede Substanz hat eine als angenehm empfundene Eigenwirkung. Kokain macht wach und euphorisch, Alkohol entspannt. Man gewöhnt sich an diese Substanzen, die anfangs nicht als schädlich wahrgenommen werden, denn der Konsum fühlt sich ja positiv an.

Gibt es besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen?

Bestimmte Suchtmittel betreffen vorwiegend junge Menschen, beispielsweise Bier oder Online-Spielsucht. In jungen Jahren ist die Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Nach der Schule und mit dem Beginn der Ausbildung vollziehen die meisten auch einen Rollenwechsel vom Schüler in bekannten sozialen Strukturen und Anforderungen zum Lernenden, der sich neuen Rollenerwartungen stellen muss. Die soziale Stellung muss neu erfahren und gefestigt werden. Auch ist manchmal die Pubertät noch nicht ganz abgeschlossen. Es fehlt an Sicherheit, und Versagensangst kann sich einstellen. Vielleicht muss auch wegen der Ausbildung die elterliche Wohnung verlassen werden. Alles ist neu und unbekannt.

Dies ist das vulnerable Alter, in dem man leichter empfänglich ist für Ablenkung oder bestimmte Substanzen. Wenn jemand allerdings beispielsweise keinen Alkohol mag, wird diese Person ihn auch nicht in ein Belohnungssystem einbauen. Als Asthmatiker wird man nicht zum Raucher. Die Eigenwirkung von Substanzen oder Verhaltensweisen darf anfangs nicht zu drastisch schädlich sein. Meist spielen für den Konsum die Gewohnheiten der Peergroup, also Gruppendynamik, eine wichtige Rolle. Auch die Beschaffungskosten sind ein wichtiger Faktor für Suchtmittel-Präferenzen.

Viele Jugendliche versuchen zwischen 15 und 16 Jahren erste Suchtmittel, in manchen Ländern früher. Die Zahlen für den Alkoholkonsum bei Jungen geht seit einigen Jahren zurück, bezogen auf die Gesamtbevölkerung bleibt er allerdings stabil. Ca. 90 % der zwischen 14- und 17-Jährigen beginnen mit Alkohol, aber 97 % hören wieder auf; sie testen einfach nur. Häufig dauert dies zwei bis drei Jahre.

«Es gibt immer die Gefahr, Menschen mit Sucht zu stigmatisieren und in eine Verteidigungsposition zu drängen.»

Priv.-Doz. Dr. med. Monika ­Ridinger ist Psychiaterin, Psychotherapeutin, Suchtmedizinerin und Autorin zahlreicher Publikationen zu ADHS und Sucht. Als Chefärztin war sie für die Forel-Klinik in ­Zürich und für die Psychiatrischen Dienste Aargau (Schwerpunkt Suchtpsychiatrie und -psycho­therapie) tätig. Seit 2017 betreibt sie eine eigene Praxis in Baden, in der sie auch Management-­Coaching und Organisations­beratung anbietet.

Welche Hinweise haben Sie auf wirksame Präventionsmassnahmen im Arbeitsumfeld?

Die Frage ist eigentlich: Wer bleibt beim Alkohol- oder bei sonstigem Drogenkonsum? Dabei handelt es sich um eine kleine Gruppe. Auch gibt es temporäre Suchtphasen, weil ein Problem vorliegt, bei dem die Droge scheinbar hilft. Alkoholsucht entwickelt sich zudem über Jahre, nicht von heute auf morgen. Deshalb muss man sich mit den Gründen des Drogenkonsums befassen. Wenn man also einen dauerhaften Konsum feststellt, muss man versuchen, herauszufinden, welche Gründe es dafür geben mag.

Es gibt in vielen grösseren Firmen Suchtbeauftragte, also neutrale Personen, die nicht gleichzeitig Vorgesetzte sind. Ein Suchtbeauftragter geht auf den auffälligen Mitarbeiter zu und formuliert im ersten Schritt seine Bedenken beispielsweise so: «Mir ist etwas bei dir aufgefallen, und ich bin mir nicht sicher, ob es nicht etwas mit Sucht zu tun hat.» Wenn man so etwas frühzeitig sagt, hat dies nicht unbedingt eine Auseinandersetzung des Angesprochenen mit dem Thema zur Folge. Aber es ist zumindest schon einmal angesprochen worden und hat möglicherweise eine Empörungsreaktion hervorgerufen. Ärger kann der erste Schritt sein, sich der Situation allmählich bewusst zu werden. Kommt der Betroffene dann irgendwann in eine problematische Situation, in der ihm die Kontrolle entgleitet, erinnert er sich wieder an das Gespräch und sucht eventuell in Eigeninitiative eine Beratung auf.

Im zweiten Schritt sollte die Suchtberatung empfohlen werden, die in manchen Institutionen durch den Suchtbeauftragten erfolgen oder von externen Suchtberatungen erbracht werden kann. Schliesslich ist es aber am Arbeitsplatz häufig nicht entscheidend, ob jemand ein Problem mit Suchtsubstanzen hat, sondern es geht um die Arbeitsleistung.

Wann wird ein Konsum problematisch?

Von Abhängigkeit kann gesprochen werden, wenn es durch den regelmässigen Konsum zu Veränderungen im Leben gekommen ist und wenn sich körperliche Zeichen eines Konsums zeigen, welche jedoch nicht unbedingt vom Betroffenen auf den Konsum ­zurückgeführt werden, sofern sie anfangs überhaupt wahrgenommen werden. Alkohol ist eine der häufigsten Todesursachen in der Schweiz. Für Alkohol hat die WHO (World Health Organization) messbare Grenzwerte für einen problematischen Konsum kommuniziert. Diese liegen bei einem täglichen Konsum von 40 bis 60 g reinen Alkohols für Männer bzw. 20 g bei Frauen (1 dl Wein enthält ca. 10 g Alkohol).

In fast 100 % der Fälle ist die Sucht nicht das primäre Problem der Betroffenen. Die Ursachen können Schüchternheit, Überforderung oder Versagensangst sein. Das sind Dinge, die ein Vorgesetzter merken sollte. Vorgesetzte sollten weniger über die Sucht sprechen, sondern das Gespräch verlagern auf die Themen, die mit der Arbeit zu tun haben. Die Führungskraft muss herausfinden, ob der Mitarbeiter über die entsprechenden Ressourcen verfügt, eine von ihm erwartete Arbeit gut zu erledigen. Die Suchtberatung ist besser Sache der Spezialisten.

In einem Mitarbeitergespräch können sich die Türen für beide Seiten öffnen. Der Vorgesetzte kann in einem solchen Rahmen sagen: «Irgendwas stimmt hier nicht. Was läuft hier nicht gut? Ich habe auch einen Anteil daran, es gemeinsam besser zu machen.»

Jetzt komme ich noch einmal auf die Ausgangsfrage zurück: Was ist Sucht? Sucht zeigt sich in äusserer und innerer Verwahrlosung. Den Betroffenen entgleiten Situationen. Sie brauchen deshalb klare Strukturen, also feste Arbeitszeiten, eindeutige Anweisungen und definierte Ergebniserwartungen. Und sie brauchen Ansprechpartner, um Handlungsspielräume abzuklären.

Strukturen geben auch Lernenden Sicherheit. In der Schule waren Handlungsspielräume eng gesetzt; die neue Arbeitssituation erfordert Orientierung. Jüngere brauchen deshalb mehr Feedbackschleifen, und zwar möglichst strukturiert, zum Beispiel in wöchentlichen Statusgesprächen. Das finden die Lernenden möglicherweise einschränkend, vor allem wenn sie noch nicht ganz aus der Pubertät sind. Doch auch ganz allgemein gilt: Jemand, der sich sicher fühlt, ist weniger in Gefahr, in eine Sucht zu rutschen. Um diese Sicherheit zu haben, muss eine Person ihre Aufgaben und Handlungsspielräume kennen und wissen, an wen sie sich wenden kann. Dann kann sie sich auch selbst entfalten und wird mit Feedback gefördert. Das motiviert. Ein häufiger Austausch ist präventiv.

Wie sollte eine Führungskraft vorgehen, die eine mittelmässige Arbeitsleistung beobachtet und eine Sucht vermutet?

Die Frage ist ja, ob Arbeitsleistung und Sucht überhaupt miteinander in Verbindung stehen. Es gibt immer die Gefahr, Menschen mit Sucht zu stigmatisieren und in Rechtfertigungspositionen zu drängen. Um dies zu vermeiden, ist die Gesprächsführung wichtig. Diese könnte zum Beispiel so laufen: «Ich merke, dass deine Arbeitsleistung nicht so ist, wie ich es mir wünschen würde (oder: dass du langsamer bist als …). Angenommen, meine Hypothese wäre, dass es vom Alkohol käme, dann würde ich mich jetzt fragen, ob du dies unter Kontrolle hast oder ob es dir entgleitet.»

Mit der Redewendung «Angenommen, ...» kann man sehr gut arbeiten. Man konfrontiert das Gegenüber nicht mit einer Feststellung. Nehmen wir beispielsweise die Situation, dass jemand nach Alkohol riecht, dann kann man sagen: «Angenommen, es wäre Alkohol, den ich an dir rieche, dann müsste ich mich fragen: Hast du es noch im Griff, und wie könnte ich dich vielleicht unterstützen?» Selbst wenn der Angesprochene erst einmal zurückhaltend reagiert, was meistens der Fall ist, ist doch ein Signal gesetzt. Die Verantwortung für die Sucht wird dem Betroffenen damit nicht abgesprochen, auch wenn er damit vorerst nicht umgehen kann. Wenn man belastet ist, ist die rationale Auseinandersetzung mit der Sucht weit weg, selbst wenn man die Zusammenhänge kennt.

Mit dem Satz «Hast du es noch im Griff?» macht man deutlich, dass man dem Gegenüber die Verantwortung für sich selbst zutraut, und bietet sich gleichzeitig an, den Betroffenen zu unterstützen, wenn ihm die Situation entgleitet.

Das Belohnungssystem

Das Prinzip des sogenannten neuronalen Belohnungssystems wurde bereits 1954 zufällig von James Olds und Peter Milner bei Experimenten mit Laborratten entdeckt: Man hatte ihnen kleine Elektroden ins Gehirn gepflanzt, mit denen sie sich über einen Hebel Stromstösse verabreichen konnten. Weil manche Ratten immer wieder diesen Hebel betätigten, erkannte man, dass einige Elektroden wohl bestimmte «Glücksareale» im Gehirn reizten. Weitere Forschungen kartierten ein sogenanntes Belohnungssystem. Verlangen und Belohnung hängen eng zusammen. Verlangen ist ein Trieb nach Befriedigung (wie etwa Hunger, Durst oder Lust). Belohnung führt zum Gefühl der Befriedigung. Wenn ein Glück versprechender Reiz von aussen wahrgenommen wird, also beispielsweise ein frisch gebackener, duftender Kuchen, wird Dopamin ausgeschüttet. Dieses gelangt auch in den Hippocampus. Dieser Teil des Gehirns ist wichtig für Gedächtnis und Lernen. Für das Glücksgefühl ist nicht nur Dopamin zuständig, sondern neben anderen Botenstoffen sind es auch körper­eigene Opiate – die Endorphine. Dopamin ist der Neurotransmitter, der die Belohnungserwartung, das Verlangen, triggert.

Suchtsubstanzen aktivieren das Belohnungssystem, wobei chronischer Drogenkonsum dazu führt, dass immer höhere Mengen benötigt werden. Ein Beispiel: Das im Tabak enthaltene Nikotin gelangt innerhalb weniger Sekunden nach der Inhalation in die Lunge über die Blutbahn ins «Belohnungszentrum» im Gehirn, wo es die Ausschüttung von Botenstoffen wie Dopamin, Noradrenalin, Adrenalin und Serotonin stimuliert. Das Belohnungsgefühl stellt sich ein. Sinkt der Nikotinspiegel, stellt sich wieder Verlangen ein. Bei regelmässigem Tabakkonsum erhöht sich die Anzahl der Rezeptoren für Nikotin im Gehirn, so dass der Konsumbedarf wächst. Diese sogenannte Substanztoleranz ist auch bei anderen Rauschmitteln wie z. B. Alkohol oder Cannabis zu beobachten, wobei die daraus resultierende psychische und körperliche Abhängigkeit ebenso wie die negativen Folgen auf die Gesundheit individuell sehr unterschiedlich sein können. Verschiedene Substanzen wirken unterschiedlich auf das Gehirn ein, sorgen für Euphorie, lindern Stress- und Angstreaktionen oder erhöhen Gedächtnisleistungen.

Was würden Sie als Erstanlaufstelle empfehlen?

Gerade bei jungen Leuten sollte man möglichst niederschwellig agieren, dies geschieht häufig beim Hausarzt. Am besten sind die Suchtberatungsstellen, die integrativ arbeiten – also gegebenenfalls Spezialisten wie Mediziner oder Psychologen vor Ort hinzuziehen. Das BAG fördert dieses Modell der integrativen Suchtbehandlung, das heisst, die Beratungen sind gratis und auf Wunsch auch anonym.

Links zu Beratungsstellen und Beispielen zur Gesprächsführung

Take-Aways

  • Junge Menschen in der Ausbildung sind besonders anfällig für problematischen Rauschmittelkonsum, da sie mit neuen, verunsichernden Lebenssituationen konfrontiert sind.
  • Klare Strukturen am Arbeitsplatz, eindeutig bestimmte Erwartungen und Handlungsspielräume sowie Feedbackgespräche unterstützen Lernende dabei, Unsicherheitsgefühle zu überwinden.
  • Regelmässiger Austausch zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern ist eine wirksame Präventionsmassnahme: Problemlagen im Zusammenhang mit der Arbeit können frühzeitig bearbeitet werden.
  • Fokus der Gesprächsführung mit suchtkranken Mitarbeitenden sollte die Situation am Arbeitsplatz sein. Suchtberatung kann von externen, neutralen Experten erfolgen. Hierfür steht in der Schweiz ein breites Netzwerk zur Verfügung, in dem auch anonyme Beratungen durchgeführt werden.
  • Erstgespräche aufgrund von Suchtvermutungen oder Beobachtungen sollten den Adressaten nicht mit Behauptungen über seinen Zustand in eine Rechtfertigungsposition drängen, sondern Beobachtungen thematisieren und mit Fragen erste Anstösse geben (Beispielvideos im Internet verfügbar).

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